330
DER FADEN NOCH FORTGESPONNEN
der inneren Aushöhlung des deutsch -englischen Vertrages über die portu-giesischen Kolonien persönlich und stark beteiligt gewesen war, würde nachaller Voraussicht kein sicherer Träger eines Bündnisses mit einem Volkegeworden sein, dessen wirtschaftlichen und politischen Aufschwung er mitmißgünstigen Augen verfolgte, dessen Wesensart ihm antipathisch war unddessen Beherrscher er haßte. Würde er sich der Sabotierung eines solchenVertrages widersetzt haben ? Für eine solche Maulwurfsarbeit stand ihm, imGegensatz zu seiner ehrwürdigen Mutter, Verschlagenheit wie Skrupellosig-keit zu Gebote. Würde er im Kriegsfall bei seiner innerlichen Abneigunggegen das Deutsche Reich und alles Deutsche, bei seiner starken Vorliebe fürFrankreich, Paris und die Franzosen dem Bündnis mit uns loyal und freudigtreu bleiben ? Alles Fragen, die ernst, sehr ernst geprüft werden mußten. Undwar es endlich nicht begreiflich, ja geboten, daß wir uns an die perfide Zwei-deutigkeit erinnerten, mit der England den eben mit uns abgeschlossenenVertrag über die portugiesischen Kolonien hinter unserem Rücken durch denhinterlistigen „Windsor-Vertrag" ausgehöhlt hatte? Durfte das nicht zumMißtrauen, mußte es nicht zu großer Vorsicht raten? Waren die brutaleRücksichtslosigkeit, mit der England alle Zwischenfälle des Burenkriegs unsund nur uns gegenüber behandelte, die zähe Kleinlichkeit, die es uns undwiederum gerade uns bei allen kolonialen Unterhandlungen zeigte, ermu-tigend für einen Anschluß an England ohne feste, klare Bürgschaften? Wirhaben den Faden des deutsch -englischen Bündnisses noch längere Zeitfortgesponnen, obwohl die unvorsichtige Art und Weise, wie Chamberlaindiese Angelegenheit öffentlich behandelte, noch mehr englische Rücksichts-losigkeiten, wie die Beschlagnahme der deutschen Postdampfer, der deut-schen Regierung den Abschluß immer mehr erschwerten. ChamberlainsRede in Leicester über Englands Verhältnis zu Amerika und Deutschland war eine Ungeschicklichkeit, wie ich glaube, eine ungewollte Ungeschick-lichkeit, aber jedenfalls eine Ungeschicklichkeit, denn bei der gesamtenWeltlage und bei der Volksstimmung in Deutschland durfte eine so delikateFrage zunächst nur intra muros erörtert werden, wenn man zum gewünsch-ten Resultat gelangen wollte. Chamberlain verachtete gar zu sehr das Ge-wicht der deutschen öffentlichen Meinung. Er unterschätzte mit britischemHochmut seine Unpopularität in Deutschland . Er wurde wohl auch vonEckardstein falsch informiert, auf dessen unheilvolle Rolle bei denganzen Verhandlungen ich später zurückkomme.
Übrigens waren die Ausführungen, die Chamberlain in Leicester übereine englisch-amerikanisch-deutsche Annäherung gemacht hatte, von deramerikanischen Presse mehr als kühl aufgenommen worden. Unentschuld-bar war, daß der deutschen Regierung bei ihrem Bestreben, zu einer Ver-ständigung mit England zu kommen, durch die ungerechtfertigte, geradezu