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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ERSTE GENTLEMAN

Fehler hat, die dem Engländer nachgesagt werden." Es war der Earl ofGranville, der dies sagte, derselbe, der die Kaiserin Friedrich mit dentreffenden Worten charakterisierte: ,,She is clever, but she is not wise."

Der Prinz von Wales hat nach seiner Thronbesteigung mehr realenpolitischen Einfluß ausgeübt als die meisten seiner Vorgänger. Aber alseinmal ein biederer Squire in einer ihn sehr bewegenden politischen Fragesich nach der Meinung des Königs erkundigte, um die seinige danach einzu-richten, ließ der König durch seinen Privatsekretär antworten: der Könighabe über alle politischen Fragen und in allen politischen Angelegenheitenimmer nur die Ansicht, die seine Minister im Parlament verträten. Derkünftige Eduard VII . war auch darin ganz Engländer, daß er hohen Wertauf einen tadellosen Anzug legte. Man konnte mit Recht von ihm sagen,daß er in dem Lande, in dem sich ohne Frage die Herren am besten an-ziehen, der bestangezogene Gentleman war. Uniform stand ihm nichtbesonders, der steife und enge Kragen seiner preußischen Regimentergenierte ihn. Aber Zivilkleidung haben seit Georg IV. und dessen FreundBrummel wenige Männer besser getragen. Auch hierin war der Prinz vonWales sehr verschieden von seinem Neffen, dem Kaiser. Dieser sah imschmucken schwarzen Attila unserer Leibhusaren, der tapferen Totenkopf-husaren, sehr gut aus, in dem weißen Koller seines herrlichen Garde-ducorps-Regiments entzückte er namentlich im Süden Frauen und Männer.Zivil stand ihm nicht und wußte er nicht zu tragen. Dagegen inspiriertesein Oheim große Schneider in London, in Paris und Wien . Er nahmToilettenfragen sehr ernst, er kreierte neue Moden wie den Homburg-Hatund die Bügelfalte. Wenn in Deutschland hierüber bisweilen Spott lautwurde, so war dies ein Ausfluß deutscher Spießbürgerlichkeit und politischeinfältig. Daß England für Herrenmoden ebenso souverän den Ton angabwie Paris für die Mode der Frauen, förderte das englische Prestige, dem derPrinz von Wales diente, wenn er auf diesem Gebiete der unbestritteneArbiter elegantiarum in Europa und in der Welt war. Ich möchte übrigensandererseits hervorheben, daß sich während unseres Besuchs in Sandring-ham unter den Eingeladenen auch einer der gelehrtesten Engländer,Lord Acton , ein Vetter meiner Schwiegermutter, befand, der noch imhohen Alter als Peer of England Vorlesungen in Oxford hielt. Er erfreutesich der besonderen und freundschaftlichen Verehrung des Prinzen vonWales .

Der Prinz interessierte sich lebhaft für das, was in Deutschland an denihm verwandten Höfen, also namentlich in Darmstadt, Koburg und Berlin -Potsdam, vorging. Er schätzte die deutsche Arbeitskraft, das deutsche Pflichtgefühl, die deutsche Biederkeit, die deutsche Akkuratesse, wennauch ohne den Trieb, diese Tugenden selbst auszuüben. Aber er sah wie