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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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AUGUSTE UND ALEXANDRA

von ihm am meisten gefürchtete Eventualität, nämlich ein Zusammengehenzwischen Deutschland und Rußland , zu verhindern. Es war psychologischinteressant, Eduard VII . im Verkehr mit seinem Neffen zu beobachten.Der König imponierte im Grunde dem Kaiser, obwohl letzterer auchMomente hatte, wo er denbösen Onkel" haßte. Die Stunden, wo er sichnur zu gern mit ihm auch innerlich ausgesöhnt hätte, überwogen aber beiweitem. Wenn der Onkel mit dem Neffen über Politik sprach, hatte ich dieEmpfindung, daß ein dicker und boshafter Kater mit einer Spitzmausspielt.

Unsere Kaiserin und die damalige Prinzessin von Wales bebten sichgar nicht. Zwischen den Häusern, denen sie entstammten, dem HauseSchleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg , bestand ein Verhältnis ähnlich dem,das einst zwischen der Weißen und der Roten Rose im englischen Königs-hause geherrscht hatte. Augustenburgund Glücksburg waren beide Sprossendes Oldenburgischen Stammes, dessen Ahnherr Egilmar schon im elftenJahrhundert hervortrat, und der nach und nach die Throne von Dänemark ,Rußland, Oldenburg, Griechenland und Norwegen besetzte. ZahlreicheZwischenheiraten hatten bis in die neueste Zeit zwischen den HäusernAugustenburg und Glücksburg stattgefunden. Sie hatten lange am däni-schen Hofe friedlich nebeneinander gehaust. Seit dem Schleswig-Hol-steinschen Aufstand von 1848 standen sie sich politisch in bitterer Feind-schaft gegenüber. Die damabge Prinzessin von Wales und spätere KöniginAlexandra von England gehörte zu den Frauen, die nicht altern. Sie hattenoch mit siebzig Jahren die Taille eines jungen Mädchens. Ganz Eng-länderin geworden, war sie in England unendlich populär und verdientediese Volkstümbchkeit durch ihre Liebenswürdigkeit, einen nie ver-sagenden Takt, die Art, wie sie ihrem Gatten manches nachsah undganz in den Pflichten ihrer Stellung aufging. Während die KaiserinFriedrich bis an ihr Lebensende in Deutschland Engländerin bbeb, wardie Königin Alexandra in jeder Richtung so englisch, wie man dies nursein konnte.

König Eduard , der mich schon aus meiner Pariser Zeit kannte, ist mir beiallen Wechseln der PoHtik bis zuletzt persönlich ein wohlwollender Gönnergeblieben. Noch bei seinem letzten Besuch in Berlin , kurz vor meinemRücktritt, schenkte er mir mit sehr freundlichen Worten seine und derKönigin Bronzebüsten. Bedauerlicherweise hatte Kaiser Wilhelm , dergerade in Kleinigkeiten eigensinnig und nicht immer feinfühlig war, beiunserem Besuch in Sandringham seinem Onkel trotz dessen Widerspruchszwei Herren des deutschen Gefolges aufgenötigt, die dieser nicht ausstehenkonnte, nämlich den General von Kessel, dem die Kaiserin Friedrich vor-