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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE KAISERIN FRIEDRICH GEREIZT

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angebeteten englischen Heimat und ihrem ihr weniger sympathischendeutschen Adoptiwaterland. Sie hätte es sogar nicht ungern gesehen,wenn die deutsche Politik ganz in den Dienst der englischen gestellt wordenwäre. Aber andererseits wurmte es sie, daß ihr Sohn, den sie gar nichtmochte, in England einen guten Empfang gefunden hatte. Sie schrieb miram 1. Dezember 1899 aus dem von ihr so sehr geliebten Süden:

Trento, Imperial Hotel

Verehrter Herr von Bülow,

ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mir aus England geschriebenhaben. Der Brief ist soeben eingetroffen, und ich eile, Ihnen meinenbesten Dank zu sagen. Es lag mir fern, zu erwarten, daß Sie bei derenormen Arbeitslast, die auf Ihnen hegt, mir schreiben würden, ebenso-wenig, daß man beim Besuch in England sich meiner erinnern würde.Ich hoffe, mein Sohn hat die Zeit genossen, und daß es ihm und derKaiserin eine Erfrischung gewesen ist, in meiner schönen Heimat und beiden lieben Meinigen zu sein, wo sie stets so freundlich aufgenommenworden sind. Von dort hörte ich nur Ausdrücke der Befriedigung überden Besuch, so daß ich hoffe, der Eindruck des Krüger-Telegramms wirdnun vergessen sein. Sie erwähnen, mein Vaterland habe leider vieleFeinde. Man braucht bloß in Deutschland zu leben, um daran keinenZweifel zu haben. Neid und Vorurteile lassen sich schwer bekämpfen,und es ist verlorene Mühe, auf billige und gerechte Beurteilung in Publi-kum oder Presse zu hoffen, wo so lange absichtlich blinder Haß und Übel-wollen gepredigt und genährt worden sind. Ich will Ihre kostbare Zeitnicht länger in Anspruch nehmen, und angelegentlichst dankend bleibe ich

Ihre

V., verwitwete Kaiserin und Königin Friedrich

Bedauerlich war mir nicht nur der gereizte Ton des Briefes, sondern vorallem, daß die hohe Frau, die in regem Briefwechsel mit ihrem ältestenBruder, dem Prinzen von Wales , ihrer Mutter, mit allen ihren Schwesternund vielen einflußreichen Engländern stand, die durch den Burenkrieghervorgerufene, von mir beklagte und bekämpfte deutsche Erregung gegenEngland so sehr akzentuierte und in den Vordergrund schob.

In dem holländischen Hafenort Vlissingen , wohin uns dieHohen-zollern" von Plymouth führte, erwarteten uns die beiden holländischenKöniginnen an der Landungsbrücke. Sie schienen sehr erfreut, uns wieder-zusehen, und wurden auch von der Kaiserin mit Herzlichkeit begrüßtund umarmt. Der Kaiser, ganz erfüllt von den großartigen englischen