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Wenn er nicht allein auf dem Postament stehen konnte, so wollte er wenig-stens wie auf dem schönen Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar auf denLorbeerkranz des anderen mit die Hand legen. Am Geburtstag des Zaren,am 18. Mai 1899, brachte Wilhelm II. in Wiesbaden in Gegenwart desrussischen Botschafters Osten-Sacken einen Toast aus, in dem er seinenVertreter auf der Haager Konferenz, den Grafen Münster, neben den Baronvon Staal stellte und die Erwartung aussprach, daß diese beiden Diplo-maten „gemäß den vom Kaiser Nikolaus und Mir an beide Herren er-gangenen übereinstimmenden Befehlen" die Konferenz so führen würden,daß der Erfolg den Zaren befriedigen könne. Wie so manche für die Öffent-lichkeit bestimmte Auslassung des im Grunde gutmütigen und jedenfallsfriedliebenden Kaisers wurde dieser Toast im Ausland vordringlich und an-maßend gefunden und mißfiel allgemein.
Meine bisherige Amtszeit als Staatssekretär hatte mir gezeigt, daß ich,Nordlandreise durch die Verhältnisse oft wochenlang vom Kaiser getrennt, ohne direkte1899 Fühlungnahme mit ihm, ohne Kenntnis dessen war, was seinen lebhaftenund vielseitigen Geist bewegte. Dies war besonders während der Nordland-reisen der Fall. Wohl war der Kaiser auf allen seinen Reisen von einem Ver-treter des Auswärtigen Amts begleitet. Ich hatte aber mehr als einmalkonstatieren müssen, daß diese Herren, mochten sie nun Tschirschky oderSchön heißen, bei der Redaktion ihrer Berichte mehr darauf bedacht waren,sich persönlich ä tout jamais gegenüber dem Kaiser zu sichern, als michwahrheitsgetreu zu informieren. Ich sagte mir, daß diese Lücke in irgend-einer Weise ausgefüllt werden müsse. Ich mußte mich über die StimmungenWilhelms IL, über die Einflüsse, die sich an ihn gerade während längererTrennungen von seinen verantwortlichen Beratern herandrängten, aufdem laufenden halten. Ich handelte daher in pflichtgemäßer Obsorge,wenn ich Philipp Eulenburg , der den Kaiser begleitete, ersuchte, mich überdie Allerhöchsten Absichten und Stimmungen, soweit sie politisch erheblichund insbesondere bedenklich erschienen, rechtzeitig zu informieren.Philipp Eulenburg war ein ausgezeichneter Beobachter und schrieb einetreffbche Feder. Ich gebe einige seiner Briefe aus dieser Periode wörtlichwieder, da sie mehr als irgend andere Ausführungen ein klares Bild derPläne, Stimmungen und Ideen geben, die kaleidoskopartig das sensibleGehirn des Kaisers durchkreuzten und deren oft bbtzschnelle Umsetzungin eine öffentliche Geste oder Tat mich mehr als einmal in schwierige Lagenversetzt hat.
Wilhelm II. Während der Nordlandreise von 1899 traten bei dem Kaiser fortdauerndgegen die unklare, aber hitzige Staatsstreichpläne hervor. „Als der Telegraph",d scnr i eD m * r Philipp Eulenburg, „Arbeiterunruhen aus Augsburg und anderen
Orten meldete, die Anlaß zu einem geistigen Spaziergang auf sozialer Basis