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DAS SCHÖNSTE WEGGESTRICHEN
wurden die Zeitungen gebracht. Der Kaiser griff nach ihnen und war sehrverwundert, seine Rede nur in der ihr von mir gegebenen Fassung, d. h. unterWeglassung der bedenklichen Wendungen, zu finden. „Sie haben ja geradedas Schönste weggestrichen", meinte er zu mir, der ich ihm gegenübersaß,weniger erzürnt als enttäuscht und betrübt. Da wurde ein kleines, in Wil-helmshaven erscheinendes Blatt gebracht, das die kaiserliche Rede inextenso veröffentlicht hatte. Ein Mitarbeiter dieses Blättchens hatte, aufeinem Dache sitzend, die Rede nachstenographiert und sofort publiziert,ohne daß Wiegand oder ich es hatten hindern können. Er hatte auch schondie betreffende Nummer seines Blattes nach Bremen, Hamburg, Hannover ,Emden und Berlin in Tausenden von Exemplaren expediert, froh über dasgute Geschäft, das er machen würde. Der Kaiser war entzückt, als er nunseine Rede in ihrem vollen Wortlaut las, aber weniger erfreut, als ich,während er nachher seine Zigarre rauchte, ihn über seine Auslassungenzur Rede stellte. Ich wies zunächst auf sein so oft freudig bekanntesChristentum hin. Seine Auslassungen würden bei guten Christen Be-dauern und Ärgernis hervorrufen. Der Kaiser replizierte mit gewohnterSchlagfertigkeit, daß Moses, Josua und andere Helden der Bibel an ihreHeerscharen noch viel schärfere Ansprachen gerichtet hätten. Ich konnteerwidern, daß wir nicht im alten, sondern im neuen Bunde lebten, dessenGeist ein anderer wäre als die Mentalität, mit der vor Jahrtausenden dieIsraeliten Kanaan erobert hätten, ging dann aber auf die vorauszusehendepolitische Wirkung der exzentrischen Rede ein. Sie würde bei unserenFreunden in der Welt Trauer und Anstoß erregen, von unseren Feinden aberbenutzt werden, um Mißtrauen und Haß gegen uns zu säen. Diese Redewürde verheerend wirken. Der Kaiser wurde sichtlich betreten. Er erwarte,meinte er, von meiner „Freundschaft" für ihn wie von meiner „famosenBeredsamkeit", daß ich ihn im Reichstag „herauspauken" würde. Ich wiesdarauf hin, daß ich das Parlament weniger fürchte als die Meinung und dieStimmung der Welt. Solche „Entgleisungen", ich gebrauchte mehrmalsdiesen Ausdruck, wären Wasser auf die Mühlen aller derjenigen, die dasLand von Goethe und Schiller, von Humboldt und Kant als ein Land vonBarbaren und Heiden, unseren Kaiser, der in seinem innersten Kern, wieich nach wie vor überzeugt wäre, ein guter Christ und guter Mensch sei,der gar nichts Böses wolle, als einen eroberungslustigen und blutdürstigenEroberer hinstellten, was Seine Majestät, Gott sei Dank, in keiner Weisewäre. Unsere Unterredung dauerte bis nach Mitternacht. Als der Kaiser michentließ, gab er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß, daß Sie nur meinBestes wollen, aber ich bin nun einmal, wie ich bin, und ich kann mich nichtändern." Ich verließ den Kaiser mit der Überzeugung, daß er mich nachdieser Unterredung schwerlich zum Reichskanzler nehmen würde, ein