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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KIDERLEN, TSCHIRSCHKY. SCHÖN

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emporgeblickt haben, so werden sie diese Gefühle allezeit auch ihrem nun-mehrigen Herrn Reichskanzler entgegenbringen und durch treue Pflicht-erfüllung sich bemühen, das ihnen bisher stets erwiesene Wohlwollen auchfernerhin zu verdienen." Ich erwiderte:Ihnen und den Beamten desChiffrierbüros, die mich mit voller Hingebung so treu unterstützt haben,herzlichsten Dank in immer gleicher Gesinnung." Willisch war ein Original.Er hatte schon unter dem Ministerpräsidenten Manteuffel sein Amt ver-sehen und diesem gleichzeitig als Geheimsekretär gedient. Er gehörte einerprotestantischen Sekte an, ich glaube den Herrnhutern, liebte mystischeGrübeleien und hatte infolge eifriger Lektüre der Apokalypse bisweilenseltsame Visionen, die an die Bilder erinnerten, die der Jünger, den derHerr liebhatte, auf der Insel Patmos schaute. Es erschienen ihm nicht nurEngel und Posaunen und himmlische Reiter auf weißen Pferden, sondernhie und da auch das böse Tier mit den zehn Hörnern und der Drache aufdem Stuhl. Dann schrieb er mir mit dem VermerkEigenhändig! Ganzgeheim!" versehene Briefe, in denen er solche Visionen mit politischen Er-eignissen der Gegenwart verknüpfte. Das verhinderte Willisch aber nicht,ein überaus tüchtiger und pflichttreuer Beamter zu sein.

Bald nach meiner Ernennung zum Reichskanzler fand ich die Möglich-keit, drei jüngeren Diplomaten persönliche Wünsche zu erfüllen. Ich ver- Revirementsschaffte dem Gesandten in Kopenhagen , Kiderlen, die Versetzung nachBukarest , die er wünschte, da ihn das bunte, zuweilen stürmische politischeLeben in Rumänien stärker anzog als die mehr beschauliche Tätigkeit indem stillen Kopenhagen. Tschirschky, damals Botschaftsrat in St. Peters-burg , erhielt den Gesandtenposten in Luxemburg. Der spätere Botschafterund Staatssekretär Schön wünschte lebhaft, wieder in den diplomatischenDienst zurückzukehren. Ich habe schon erzählt, wie ich dies am 9. Sep-tember 1899 auf der Fahrt von Karlsruhe zurHohenzollern " bei SeinerMajestät durchsetzte. Schön war als Botschaftsrat in Paris von dem Bot-schafter Münster nicht gut behandelt worden. Fürst Münster, der für Paris wie vorher für London manche Qualitäten besaß, war ein nicht immerfreundlicher Chef und von Hause aus ein hochfahrender hannöverscherAristokrat. Er konnte es Schön, der einer in der Lederindustrie reich ge-wordenen Wormser Familie entstammte, nicht verzeihen, daß ernachLeder" röche. Schön flüchtete sich mit Hilfe der Kaiserin Friedrich , derer sich nützlich gemacht hatte, als ihr von der in Paris lebenden steinreichenHerzogin von Galliera eine große Erbschaft zufiel, an den Koburger Hof,wo es aber auch nicht lange mit ihm ging. Böse Zungen behaupteten, daßer, als die Herzogin Alfred von Koburg, die einzige Tochter des KaisersAlexander II. von Rußland , ihm ihre Huld zuwandte, der hohen Dameeine hübsche Schauspielerin des Koburger Theaters vorgezogen hätte.

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