EIN FRONDIERENDER THRONFOLGER
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dem man diese Bemerkung wiedererzählte, ist blaß vor Wut geworden undsagte: ,Hielt er mich denn für einen Trottel?' Ich zähle diese beiden Ge-schichten auf, weil sie symptomatisch für die eigentliche Stimmung sind.Nicht diese Geschichten vermochten diesen Gegensatz hervorzurufen,Hochmut und Neid sind die eigentlichen Krankheitserreger, und dieTatsachen werden diese Bazillen nicht beseitigen. Ein starkes Deutschland mit einem genial beanlagten Herrscher ist ein zu gutes Kulturfeld für diebösen Charakterbazillen, die den Erben der Habsburger -Krone beherrschen.Alle Bemühungen, ihn zu gewinnen, werden daher nur eine schwache Wir-kung haben. Aber eine Art praktischer Beurteilung aller Fragen wirdan dem recht gescheiten Erzherzog nicht ganz abgleiten. Und hierzu gehörtauch der Weihrauch eines sehr glänzenden Empfangs. An die Schilderungder Persönlichkeit des Thronfolgers möchte ich noch ein paar Worte überseine Politik anknüpfen. In den Rahmen aller frondierenden Thronfolgergehört auch Franz Ferdinand . Wie er niemals das vergißt, was seineEitelkeit verletzte, so wird er niemals vergessen, daß törichte Ärzte undungeschickte Hof beamte ihn zu den Toten legten, während er noch Lebens-kraft genug besaß, um sich zu erholen. Er vergißt niemals Goluchowski ,daß dieser ihn als Quantite negligeable behandelte. Deshalb ist FranzFerdinands Politik immer da zu finden, wo die Gegner Goluchowskis stehen.Er hat deshalb nicht nur allein seinem Schwager Albrecht von Württem-berg mit Genugtuung erzählt, daß unser allergnädigster Herr ihm gesagthabe: ,Goluchowski ist ein Esel.' . . . Goluchowski findet trotz seinerkatholischen Frömmigkeit die ganzen Ultramontanen auf seinem Wege,die gegen den Dreibund Sturm laufen. Was ihn hält, ist das Vertrauenseines Kaisers. Wir würden einen Fehler begehen, wenn wir ihn trotz seinerverschiedenen Schwächen jetzt nicht unterstützten, wo hier die russischeantideutsche Partei ziemlich stark ist. Der Vorteil für uns liegt darin, daßGoluchowski wegen des Hasses von Franz Ferdinand nicht vor dieserrussisch -feudalen, antideutschen Partei kapitulieren kann. Um die kompli-zierte und nicht immer leicht zu durchschauende Lage noch zu verwirren,hat Franz Ferdinand die Südslawen (Slowenen, Kroaten , Dalmatiner)während seiner letzten Reise im Süden, wenn auch nicht gerade aufgehetzt,so doch sehr aufgeregt. Es zeigen sich dort seitdem starke russische Sympa-thien, und das ,Kaiserreich Slowenien' tritt mehr und mehr in den Vorder-grund. Mit dieser Reise hat Franz Ferdinand den Ungarn einen perfidenStreich gespielt. Er hat eigentlich damit die slawische Frage in Ungarn aufgerollt. Seinem Charakter traue ich zu, daß er dies mit Bewußtsein tat.Ob er den Gedanken an die slawische Transformation der habsburgischenMonarchie, über den ich gelegentlich berichtet habe, in sich trägt, lasse ichdahingestellt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß er derartigen
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