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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DEUTSCHLAND, RUSSLAND, FRANKREICH

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Frieden gewesen waren. Die Franzosen wollten nicht den Krieg oder, rich-tiger gesagt, sie trauten sich nicht, uns anzugreifen. Aber sie hatten nichtauf die Reichslande verzichtet, viele Franzosen auch nicht auf die Hoff-nung, wieder einmal die Hegemonie auf dem europäischen Kontinent zuerringen, die Frankreich unter Louis XIV. und Napoleon besessen hatte.Unser Botschafter in St. Petersburg , Fürst Radolin, schrieb mir, daß, alser rein akademisch bei dem zweifellos friedlich und eher deutschfreundlichgesinnten Grafen Murawiew die Frage eines Zusammengehens zwischenRußland, Deutschland und Frankreich angeregt hätte, das natürlich nurmöglich sei, wenn jede der drei Mächte sicher wäre, daß keine der beidenanderen ihren Besitzstand antasten wolle, ihm der russische Minister desÄußeren erwidert habe: für Rußland könne er gern eine solche Verpflich-tung eingehen, für Frankreich aber nicht. Kein französisches Ministeriumwürde 24 Stunden im Amt bleiben, wenn es deutschen Wünschen bezüglicheiner Garantie des Besitzstandes der Vertragschließenden entgegenkäme.An der Uberzeugung, daß Frankreich sich gegen uns wenden würde, sobaldwir mit Rußland aneinanderkämen, habe ich bis zuletzt festgehalten unddarin nur zu recht behalten. Gegenüber Frankreich bewegten sich sowohlder Deutsche Kaiser wie das deutsche Volk besonders gern in Illusionen.Wilhelm II. glaubte, ebenso wie früher seine Frau Mutter, durch persönlicheLiebenswürdigkeit die Franzosen trösten und gewinnen zu können, was eineVerkennung sowohl der leidenschaftlichen Vaterlandshebe wie des natio-nalen Ehrgeizes und des nationalen Hochmuts unserer westlichen Nachbarnwar. Mit der naiven Gutmütigkeit, die vom Standpunkt der Ethik eineTugend, politisch gesprochen eine Schwäche unseres Volkes ist, stand diegroße Mehrheit der Deutschen den Franzosen mit dem aufrichtigen Wunschgegenüber, sich mit dem interessanten Nachbarn jenseits der Vogesen bald-möglichst und restlos auszusöhnen. Das hatte unter anderem die Folge,daß die Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 gerade von Deutschen scharenweise besucht wurde. Der Eindruck, den diese Besucher in Paris machten, war nicht immer günstig. Mir lebte an der Seine eine langjährigeund gute Freundin, Anna Lindau, wie sie während ihrer ersten Ehe hieß.Sie war eine Tochter des Begründers desKladderadatsch", David Kaiisch,und in erster Ehe vermählt mit Paul Lindau , der, wenn auch nicht als be-sonders tiefer, so doch als ein unterhaltender und glänzender Vertreter derBerliner Publizistik der siebziger und achtziger Jahre bezeichnet werdenkonnte. Sie hatte ihren Gatten verlassen, um einen französischen Journa-listen, der im PariserFigaro" unter dem Namen Jacques Saint-Cere schrieb, in Wirklichkeit aber aus Fürth in Bayern stammte und Rosenthalhieß, nach Paris zu folgen. Der Traum ihres Lebens war seitdem die Ver-söhnung zwischen Deutschen und Franzosen , denn sie hatte ihre alte Heimat

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