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DIE KRÜGER-DEPESCHE
Empfehlung. Die deutsche Konkurrenz wurde nicht geschwächt, sonderngestärkt, und mit ihr der englische Neid.
Ich entsinne mich eines Gesprächs, das ich Anfang der achtziger Jahrein Paris mit der damaligen deutschen Kronprinzessin führte. Sie hielt sichauf der Rückreise von London nach Berlin einige Tage in Paris auf. Unterder weisen und taktvollen Obhut des Botschafters Chlodwig Hohenlohe verlief dieser Besuch ohne Anstoß. Die Kronprinzessin hatte mich, der ichdamals Zweiter Sekretär unserer Botschaft war, mit dem kaiserlichen Bot-schafter zum Frühstück nach dem Hotel Westminster eingeladen, wo sieabgestiegen war. Ganz Engländerin, wie sie dies bis an ihr Lebensendeblieb, klagte die Kronprinzessin vor dem nachsichtig lächelnden Hohenlohe darüber, daß die „unangenehme" und „aufgeregte" Konkurrenz, die derDeutsche dem Engländer neuerdings auch in solchen Branchen mache, wodie englische Ware bis dahin unbestritten den ersten Platz eingenommenhätte, in England starke und begreifliche Unzufriedenheit hervorrufe, wasdoch sehr traurig wäre. Die Deutschen sollten nicht so „pushing" sein. Dergleichfalls anwesende Bruder ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit,der Herzog von Connaught, nahm in taktvoller Weise uns arme Deutsche inSchutz, indem er ausführte, daß auf dieser großen und weiten Welt Platzfür Deutsche wie für Engländer wäre. Die Kronprinzessin blieb aber dabei,daß unsere gar zu intensive und, wie sie behauptete, nicht immer „faire"Konkurrenz uns die bisherigen englischen Sympathien kosten würde, wastief zu beklagen sei.
Den Ausgangspunkt der zweiten Phase der deutsch -englischen Bezie-hungen bildete die Krüger-Depesche. Baron Beyens , vor dem Weltkriegbelgischer Gesandter in Berlin , dann belgischer Minister des Äußern,erzählt in seinem Buche über seine Berliner Mission, auf das ich später nocheinmal zurückkommen werde, daß ihm ein Jahr vor dem Ausbruch desWeltkrieges der englische Botschafter in Berlin , Sir Edward Goschen,gesagt habe, der Eindruck, den die Krüger-Depesche in England gemachthätte, sei nie wieder ganz verwischt worden. Diese intempestive Kund-gebung zerriß eben den freundlichen Vorhang, der bis dahin die Unzu-friedenheit und Abneigung verhüllte, die sich seit dem Deutsch -Fran-zösischen Krieg in England nach und nach gegen uns angesammelt hatte.
In das dritte und entscheidende Stadium der deutsch -englischen Be-ziehungen traten wir ein, als wir mit unserem Flottenbau begannen, der,wie ich wiederholt vor dem Reichstag und vor dem Lande darlegte und auchin diesen meinen Lebenserinnerungen ausgeführt habe, durch unsereelementare wirtschaftliche Entwicklung zur Notwendigkeit geworden war.Die mir bei meiner Berufung von Rom nach Berlin gestellte Aufgabe war,die zu einer Existenzfrage für uns gewordene Verstärkung unserer Flotte