MIT TIRPITZ AN DER KIELER BUCHT
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zu ermöglichen, ohne daß dieser Ausbau zu einem Krieg mit England führte. Ich sollte, wie der Kaiser und Tirpitz mir oft wiederholten, dasdeutsche Schiff durch die Gefahrzone leiten. Der ungeheuren Schwierigkeitdieser Aufgabe war ich mir vom ersten Tage an bewußt gewesen, und siewurde mir mit jedem Tage meiner Amtsführung deutlicher. Ich entsinnemich eines ernsten Gesprächs, das ich in den ersten Jahren meiner Kanzler-schaft in Kiel mit Tirpitz führte. Wir machten zusammen einen Spazier-gang auf dem Wege, der von Kiel durch das anmutige Gehölz Düsternbrooknach Bellevue führt. Von dem Weg, den schöne holsteinische Buchenbeschatten, blickten wir auf die Kieler Bucht , die ich in meiner Kindheitals dänischen Hafen gekannt hatte und die ich später als Staatssekretärund Reichskanzler oft an Bord der Jacht „Meteor" durchquert habe. DieKieler Föhrde ist die Königin der Ostseebuchten, tief wie das Weltmeer unddabei gegen Stürme geschützt, geräumig genug, allen Flotten der Welt zumHafen zu dienen. Hier sollte ich an demselben Junitage, an dem ich 1897mit der Leitung der auswärtigen Geschäfte betraut worden war, 1909meinen Abschied als Reichskanzler erhalten, an Bord der prächtigen„Hohenzollern ", die, als ich zurücktrat, umgeben war von der inzwischenzur zweitgrößten Marine der Welt gewordenen deutschen Flotte. Still, leer,ausgeraubt und wehrlos liegt heute die Kieler Föhrde vor uns, einst unserStolz, heute ein trauriges, herzzerreißendes Bild unseres Zusammenbruchsund Niedergangs. Im Laufe jener Unterredung mit Tirpitz frug ich ihn,wann er glaube, daß unsere im Bau befindliche Flotte eine Stärke erreichthaben werde, die einen unprovozierten englischen Angriff für vernünftigeMenschen unwahrscheinlich machen würde. Tirpitz erwiderte mir, daß wiretwa 1904 oder 1905 in die kritischste Phase unserer Beziehungen zu Eng-land eintreten würden. Um diese Zeit würde unsere Marine so stark gewor-den sein, daß sie in England Eifersucht und starke Unruhe hervorrufenwerde. Nach diesem voraussichtlich kritischsten Moment werde sich dieGefahr eines englischen Angriffs mehr und mehr verringern. Die Engländerwürden dann einsehen, daß ein Vorgehen gegen uns auch für sie mit einemunverhältnismäßigen Risiko verbunden wäre. Da wir nicht daran dächten,England anzugreifen, würde auf dieser Grundlage einem friedlichen Neben-einanderleben und Sichentwickeln des deutschen und des englischen Volksnichts mehr im Wege stehen. In der Tat konnte, wie ich anläßlich desKaiserbesuchs in England (November 1899) schon erwähnte, ein aus-gesprochener Pazifist, einer der eifrigsten Befürworter guter BeziehungenDeutschlands zu England , ein Bewunderer und Vertrauter von BethmannHollweg, Professor Dr. Hans Delbrück , im November 1913 nach einemBesuch in England feststellen, daß der englische Argwohn gegen Deutsch-land geschwunden sei, daß an den guten Beziehungen zwischen England