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EIN MARGINAL DES KAISERS
Fürst Bismarck vertreten hatten. Wie sie würde auch ich freudig einemVertrage zugestimmt haben, der die Verpflichtungen und das Risikozwischen den beiden großen Reichen gleichmäßig verteilte. Eine Societasleonina zugunsten des britischen Löwen konnten und durften wir nicht ein-gehen. Deshalb mußten wir darauf bestehen, daß ein deutsch -englischerVertrag nicht geheim blieb, sondern daß die Parlamente beider Länderihre Zustimmung erteilten, schon weil andernfalls die Gefahr vorlag, daßim Falle eines Krieges England sich seinen Verpflichtungen durch einenRegierungswechsel entzog. Die zweite Voraussetzung einer für uns annehm-baren Allianz war, daß, wenn wir eine Garantie für die englischen Be-sitzungen, insbesondere für einen russischen Angriff gegen Indien, über-nehmen sollten, England uns für den Fall eines russischen Angriffs aufÖsterreich-Ungarn und eines französischen Angriffs auf Italien zu Hilfekommen müsse. Andernfalls wurde unser Verhältnis zu Österreich-Ungarnwie zu Italien ganz in das Belieben von London gestellt, und unsere beidenBundesgenossen gerieten völlig in englische Abhängigkeit. Kaiser Wil-helm II. teilte diesen Standpunkt. Er schrieb noch kurze Zeit vor meinemRücktritt, im Februar 1909, ad marginem eines Artikels des Berliner Tage-blatts über deutsch -englische Allianzverhandhmgen in den Jahren 1899und 1900: „Ich entsinne mich genau, daß das Allianz-Angebot von Cham-berlain gemacht wurde, als Ich im Frühjahr in Homburg vor der Höhe war,Metternich war damals bei Mir, zum auswärtigen Dienst kommandiert,und haben wir die Angelegenheit während eines Ritts auf den Feldbergbesprochen. Wir sollten nach Chamberlains Wunsch die Rolle übernehmen,die später Japan übernahm, Rußland durch die Waffen von Indien ab-zuhalten. Die Sache zerschlug sich, als Ich verlangte, es solle ein vom eng-lischen Ministerrat unterschriebener Allianzvertrag mit uns dem englischenParlament vorgelegt und von diesem einstimmig votiert werden." DieSchlußbemerkung dieses Marginals war eine Übertreibung. Wir hattennatürlich nicht ein einstimmiges Votum des Parlaments verlangt, sondernnur die Annahme des Vertrages durch das englische Parlament unter Zu-stimmung der beiden großen Parteien.
Über die Vorgänge in Ostasien wurde ich nach wie vor durch verständigePrinz Briefe des Prinzen Heinrich unterrichtet. Er konnte mir mit BefriedigungHeinrich schreiben, daß der ausgezeichnete Direktor des Bremer NorddeutschenOstasien Ll 0 y,j ? Herr Wiegand, Tsingtau besucht habe und von den dortigen Zu-ständen „im höchsten Maß" erbaut gewesen wäre. Wiegand zolle den bis-herigen Leistungen „volle Anerkennung". Nach einem Besuch in Japan hatte mir der Prinz geschrieben: „Sehr gelegen für meinen Aufenthalt inJapan kam Ihre in einer Ihrer letzten Reichstagsreden gebrauchte Wen-dung, welche ein Kompliment für die Japaner enthielt. Dergleichen Kom-