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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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PRINZ HEINRICH LOBT JAPAN

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plimente verfehlen bei den Japanern niemals ihre Wirkung und fallen aufden sehr fruchtbaren Boden ihrer großen Eitelkeit. Es ist erstaunlich, wasjenes Land in den letzten zwanzig Jahren geleistet hat, um sich zu der Stel-lung emporzuarbeiten, die es jetzt zweifellos einnimmt. Japan will alsGroßmacht behandelt und angesehen werden, und kann ich nur hinzufügen,daß es hierzu ein volles Recht hat. Man sagte mir, daß Japans Handels-beziehungen stets zugunsten jener Nation ausfielen, welche es am bestenbehandelte. Die Artigkeit, Zuvorkommenheit und Höflichkeit, mit derich in jenem Lande aufgenommen wurde, ist über jedes Lob erhaben. Ander chinesischen Küste ist man unter den Europäern geneigt, über denJapaner schlecht und schroff zu urteilen, und muß ich gestehen, daß ich biszu dem Augenblick der persönlich gewonnen Eindrücke stark beeinflußtworden war. Gründe für diese Abneigung sind wohl darin zu suchen, daßder japanische Kaufmann nicht so zuverlässig ist wie der chinesischeund daß man in Japan nicht mehr unter denselben Bedingungen lebenkann wie vor zwanzig Jahren. Diese Auffassung kann ich jedoch nur alseine einseitige und beschränkte bezeichnen. Ein Volk, welches wie Japan mit aller Energie an seiner Selbständigkeit und Emanzipation von denEuropäern arbeitet, wird den letzteren naturgemäß unbequem. Die Nationdieserhalb zu verurteilen, halte ich nicht für richtig. England mit seinemklugen, gut geschulten und weitgehenden Weltenblick handelte weise,als es den Japanern zu ihrer eigenen Jurisdiktion verhalf und bei dieserFrage die leitende Stelle zugunsten Japans nahm . . . Dem heutigen vor-urteilsfreien Beschauer kann es nicht entgehen, daß Japan nicht mehr dasharmlose Land der Geishas, Lackwaren usw. ist, sondern vielmehr auseinem sehr patriotisch und streng national gesonnenen Volke besteht,welches jetzt bereits die erste und achtunggebietende Macht in Ostasien repräsentiert. Sich mit dieser Macht gut stellen, heißt eine politische Klug-heit begehen." Der Brief des Prinzen Heinrich schloß mit den für seineschlichte Art wie für seine Herzensgüte bezeichnenden Worten:Ich binnach wie vor gern in meiner Stellung, die mir so unendlich viel Interessantesbietet, worin ich die Kompensation erblicke für die lange Trennung vonder Heimat und den Meinen. Andererseits erblicke ich in diesem Opfermeine Pflicht und meinen Stolz als Seeoffizier. Indem ich Sie bitte, michder Frau Gräfin auf das angelegentlichste zu empfehlen, verbleibe ich,mein lieber Herr Graf, Ihr sehr treu und dankbar ergebener Prinz Heinrichvon Preußen."

Ich hatte diesen Brief zum Gegenstand eines längeren Vortrages beimKaiser gemacht, um ihn, wie schon mehrfach früher und wie später nochoft, zum Eingehen auf gewisse japanische Wünsche (Zulassung japanischerOffiziere zum Besuch unserer Kriegsakademie u. ä.) sowie für eine freund-