RANKÜNE GEGEN BISMARCK
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wieder an dem Anfang unseres Gesprächs angelangt. Die Erregung wendetsich gegen den absoluten Kaiser, und dasjenige, was diese Ansicht erweckenkann, muß vermieden werden.' Fast spottend meinte der Kaiser: ,Ichein absoluter König!!' In diesem Augenblick trat Goertz zwischen uns, dasGespräch unterbrechend, das ich Dir, wie gesagt, fast wörtlich wiedergebe.Die Tendenz zur , Gewalt' leuchtet trotz aller Einschränkungen heraus, dieS. M. sich auferlegt. Ein verhängnisvolles Mißverstehen der Lage tritt mirentgegen, das uns mit banger, quälender Sorge erfüllen muß. Wird es Dirgelingen, Ihn vor unberechenbaren Schritten zu bewahren ? Die Elementezu beseitigen, die ihn zu Dingen treiben, deren Tragweite er nicht kennt?Der Kaiser kam später noch einmal auf das Gespräch zurück, indem ermeinte: ,Bei dem, was du Mir sagst, wird Mir die kolossale Perfidie desalten Bismarck recht klar, der Mich veranlassen wollte, den Absolutismusschärfer herauszudrehen und Preußen materiell mehr (auf Kosten derBundesstaaten) in den Vordergrund zu stellen! Ich war doch zu schlau,um auf diese Zumutung hineinzufallen, die Mich in Verlegenheit und da-durch in Abhängigkeit von ihm bringen sollte.'"
Obschon er mir das Gegenteil versicherte, ließ Philipp Eulenburg es sichdoch nur zu oft angelegen sein, von ihm sorgsam destilliertes, nicht selten Feststellung?,vergiftetes öl in die Glut der kaiserlichen Ranküne gegen Bismarck zu u ^ ergießen. Zu den von Eulenburg und seinem damaligen Intimus Holstein mit ^ lsmarcVorhebe vorgebrachten Insinuationen gehörte die Behauptung, Bismarck habe den jungen Kaiser Wilhelm II. zu einem Staatsstreich im Innern über-reden und ihn gleichzeitig veranlassen wollen, Österreich an Rußland zuverraten. Wilhelm II. hat namentlich in den ersten Jahren seiner Regierunggern mit diesen beiden Argumenten operiert, um die Entlassung des Für-sten Bismarck zu rechtfertigen. Beide sind in Wirklichkeit mehr oderweniger sophistische Vorwände. Wilhelm II. beging, von Caprivi, Marschallund Holstein schlecht beraten, in jugendlicher Unüberlegtheit, in Geschäfts-unkenntnis und Urteilslosigkeit den großen, inkommensurablen Fehler,den deutsch -russischen RückVersicherungsvertrag, noch dazu in verletzen-der und ungeschickter Form, zu kündigen, hat aber im weiteren Fortgangseiner Regierung mehr als einmal versucht, wieder zu einem vertrags-mäßigen Verhältnis zu Rußland zu gelangen. Er hat auch bald nach demSturz des Fürsten Bismarck und bis an das Ende seiner Regierung vonseinen Ministern nicht nur gesetzliche Maßnahmen gegen die Sozial-demokratie, sondern mehr als einmal gewaltsames Einschreiten gefordert.Wenn er 1890 anders sprach, so war es, weil er damals zunächst und vorallem den ihm lästigen Kanzler loswerden wollte, nicht weil er einen Staats-streich an und für sich als verwerflich oder ein vertragsmäßiges Verhältnismit Rußland als einen Verrat an Österreich-Ungarn betrachtet hätte.
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