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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER LOTSE VON BARI

Schloß Achilleion angetreten. Von Bari trug ihn dieHohenzollern " nachKorfu. Knesebeck hielt sich während der Fahrt seit einer Viertelstunde ineiner der sogenanntenLauben" auf, kleinen, offenen, halb verstecktenKabinen auf dem Oberdeck, als plötzlich der Kaiser auftauchte, der miteinem anderen Herrn auf dem Deck auf und ab ging. Knesebeck mochtenicht aus der Laube hervor und dem Kaiser in den Weg treten, weil diesSeine Majestät leicht verstimmte. Er blieb also sitzen und wurde der unfrei-willige Zuhörer des von dem Monarchen sehr laut geführten Gesprächs.Der Kaiser sprach abwechselnd Englisch , Französisch, Italienisch, seltenerDeutsch, er sprach über alles und jedes, über seine auswärtige und seineinnere Politik, über sein persönliches Verhältnis zu allen großen Souveränen,über seine Minister, de omni re scibili et de quibusdam aliis. Knesebeck zerbrach sich den Kopf, wer der Herr sein könnte, dem der Deutsche Kaiserso offen sein ganzes Herz ausschüttete und der sich dabei selbst rein zu-hörend verhielt. Er riet nacheinander auf einen englischen Lord, einenfranzösischen Sportsmann, einen italienischen Admiral, einen russischen Großfürsten oder einen griechischen Prinzen. Als der Kaiser und seinBegleiter verschwunden waren, fragte Knesebeck einen vorbeieilendenMatrosen, wer der Herr gewesen sei, mit dem Seine Majestät so lange und soeifrig konversiert habe.Das war der Lotse", antwortete der brave Matrose,den wir in Bari an Bord genommen haben, damit er uns nach Korfu bringt." Wenn später der Kaiser vor Knesebeck und mir mit Ausländerneifrig große Konversation machte, pflegte Knesebeck zu mir zu sagen:Der Lotse von Bari !"

Das Sprechbedürfnis des Kaisers, sein Bedürfnis, sich zu entladen,sfogarsi, wie die Itahener es malerisch und treffend bezeichnen, war unbe-grenzt. Er litt tatsächlich an der Krankheit derparlantina", wie die(selbst gesprächigen) Itahener übertriebene Bedseligkeit nennen. Der Ge-fahr unüberlegter Äußerungen und Gespräche ist Wilhelm IL sich nie rechtbewußt geworden, jedenfalls nicht vor der durch solche in Highcliffegeführte, sehr unbesonnene Gespräche provozierten Novemberkrisis von1908. Bei einem der Morgenbesuche, die mir der Kaiser in Berlin fast täglichzwischen neun und zehn Uhr abstattete und während deren er gewöhnlichmit mir im Beichskanzlergarten auf und ab ging, brachte er einmal seinenBruder, den Prinzen Heinrich, mit. Der Prinz schien von vornherein ver-stimmt, der Kaiser war barsch und unfreundlich mit ihm. Insbesonderesprach er sich in den unfreundlichsten und schärfsten Ausdrücken über denvom Prinzen Heinrich zärtlich geliebten Schwager Seiner KöniglichenHoheit, den Zaren, aus, den er mit Kosenamen wieSchlappier",Jam-merhuhn" und ärgeren Prädikaten belegte. Als sich der Prinz endlich mithochrotem Kopf entfernt hatte, fragte ich den Kaiser, ob er ganz sicher wäre,