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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN PURITANER

seiner Kanzlerzeit, ein Jesuit, der Pater Blum. Für die Bettelorden hatteHertling nicht viel übrig. Das Unglück des Grafen wollte, daß er am Abendseines Lebens, noch dazu in einem unendlich schwierigen Moment, mittenim Weltkrieg zum Reichskanzler ernannt wurde, als er dieser Aufgabe inkeiner Weise mehr gewachsen war.

Als wir in München nähere Bekanntschaft machten, stand er erst imsiebenundfünfzigsten Lebensjahr. Meine persönlichen Beziehungen zu ihmsind auch durch spätere politische Zerwürfnisse und Mißverständnisse nichtgetrübt worden. Er war der einzige Zentrumsabgeordnete, der nach meinerReichstagsauflösung vom 13. Dezember 1906 Karten bei mir ließ, währenddie übrigen Vertreter der klerikalen Richtung die üble deutsche Gewohn-heit befolgten, politische Differenzen auf das persönliche Gebiet zu über-tragen, eine Unsitte, die in England und Frankreich, in Italien , in allenübrigen zivilisierten Ländern kein gebildeter Mensch versteht. Graf Hert-ling war eine Aristides-Natur, von strenger, ich möchte sagen spröderIntegrität. Er war in jeder Richtung ein Puritaner, und obwohl mit demKopf der überzeugteste Katholik, erinnerte er in seinem Wesen an englische,Genfer oder holländische Kalvinisten. Fürst Chlodwig Hohenlohe , derHertling nicht liebte, der allerdings ganz anders geartet war, pflegte vonihm zu sagen, er habe nie ein gutes Glas Wein getrunken, nie eine hübscheFrau geküßt, nie eine gut sitzende Hose gehabt. Hertling war eine kalteNatur. Ich weiß nicht, ob er je wirkliche Freundschaft empfunden hat. Erwar gerecht, aber nicht wohlwollend. Jedes Strebertum, jeder Snobismuslag ihm ganz fern. Er war ein innerlich vornehmer Mann. Als der national-liberale Abgeordnete Prinz Heinrich Carolathihn als Reichskanzler begrüßteund hierbei daran erinnerte, daß Hertling ihm schon vierzig Jahre früherin Bonn freundlich begegnet wäre, erwiderte der neue Kanzler:Aber meinlieber Prinz, die Sache lag in Bonn gerade umgekehrt. Eure Durchlauchtwaren dem bescheidenen Privatdozenten ein gütiger Gönner." DerselbeHertling war geistig nicht ohne Hochmut. Auf Nichtgelehrte und Nicht-gebildete sah er mit einer gewissen Verachtung herab und noch mehr auf Halb-gebildete, zu denen er auch Gymnasialdirektoren und Landgerichtsrätezählte, die in seiner Partei in Berlin wie in München zahlreich vertretenwaren. Hertling würde in seiner guten Zeit ein vortreffhcher preußischeroder bayrischer Minister gewesen sein. Sein Leitstern war in allem dieAutorität. 1900 stand er in vertrauensvollen, guten Beziehungen zu demMinisterpräsidenten Crailsheim , den er hochstellte, während er für dessenNachfolger Podewils später nicht viel übrig hatte. Dieser doch kluge undtüchtige Mann war Hertling zu flott, zu elegant, nichternst" genug.

Ich benutzte meinen Aufenthalt in München, um mich von Lenbach malen zu lassen, und bestimmte damals mein Bild für den Reichstag , ohne