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Neffen liebte. Er kam immer wieder darauf zurück, daß es meine wichtigsteAufgabe wäre, die hohe und glänzende Begabung des Kaisers, seine gutenAbsichten, sein edles Wollen in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, ohnedaß die zweifellos gefährlichen, zum Teil sehr gefährbchen Eigenschaftendes Oberhauptes des Reichs Bestand und Zukunft des Reichs gefährdeten.Während der Großherzog über dieses Thema lange mit mir sprach, ruhteseine Hand auf der Bibel, die er neben sich liegen hatte. Er blickte auf dasbebbche Oostal, das sich vor uns ausdehnte. „Wenn wir nur Frieden be-halten, den Frieden der Ordnung im Innern, den Frieden mit der Welt,einen Frieden in Ehren nach außen, so zweifle ich nicht an unserer Zukunft.Blicken Sie auf dieses blühende Land. Wenn es auch anderswo nicht ganzso schön ist wie in unserem Baden, so sieht es doch in ganz Deutschland jetzt gut aus, besser als je in unserer Vergangenheit, besser als in fast allenanderen Ländern. Wir brauchen nur Ordnung und Frieden. Gott helfeIhnen beide erhalten."
Von Karlsruhe begab ich mich nach Darmstadt , wobei mir klar wurde,daß die deutsche Einheit durch nichts mehr gefördert worden war als durch Reise nachdie Erleichterung der Verkehrsmöglichkeiten. Eisenbahn und Telegraph Darmstadtwaren die größten Feinde des Partikularismus. Wenn der Reisende in zweiStunden bequem von der badischen zur hessischen Hauptstadt gelangenkonnte, so war ein ernstlicher Gegensatz zwischen diesen beiden „Staaten"wirklich kaum noch mögbch. Auch in Darmstadt stieg ich, einer Aufforde-rung des Großherzogs folgend, im Schloß ab. Überall stieß der Besucherdort auf russische Erinnerungen. Daß die russischen Zaren zweimal zuihren Lebensgefährtinnen hessische Prinzessinnen gewählt hatten und daßneben Alexander II. und Nikolaus II. Töchter des Darmstädter Hausesden Zarenthron bestiegen hatten, war der Stolz jedes braven Darmstädtersund insbesondere des Fürstenhauses. Von den Wänden der Zimmer, dieich bewohnte, schauten Zarenbilder herunter. Nachbildungen des Kreml,des herrbchen Petersburger Denkmals Peters des Großen und des stolzenMonuments Kaiser Nikolaus' I. prangten auf Tischen und Schränken.Der Großherzog Ernst Ludwig hatte wenig von seinem biederen Vater,dem Großherzog Ludwig IV. , der als tapferer Divisionär im Feldzug gegenFrankreich verwundet worden war. Er hatte mehr von seiner bedeutendenMutter, der Großherzogin Alice, die, voll Geist und Bildung, die Darm-städter durch die Freisinnigkeit ihrer politischen und religiösen Anschau-ungen in Verwunderung gesetzt hatte. Großherzog Ernst Ludwig inter-essierte sich lebhaft für die bildenden Künste, besonders für Architektur,auch für Philosophie, hier und da in etwas inkohärenter Weise.
Bei der Tafel fiel mir auf, wie steif und unfreundlich der Verkehr zwischendem Großherzog und der Großherzogin war. Die Großherzogin Viktoria