DER FELDZUGSPLAN PURER NONSENS
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England überall, auch im Reichstag eingetreten sind. Lassen sich die Leute Unterredungin Deutschland denn gar nicht beruhigen ? They seem to have a crack, they müare like mad." Am nächsten Tage hatte ich eine Unterredung mit der lang- Mi ß Kn °Uy sjährigen Hofdame der Königin Alexandra von England, Miß CharlotteKnollys, mit der ich seit vielen Jahren befreundet war. Mit dem praktischenSinn ihres Volkes sagte sie mir: „Was helfen denn alle neuerlichen Zärtlich-keiten zwischen dem Onkel und dem Neffen, was helfen auch alle Bemü-hungen der beiderseitigen Minister, wenn die Völker sich wie Hund undKatze gegenüberstehen? Der Kaiser sagt immer, in Deutschland käme esnur auf ihn an, und alles müsse sich seinem Willen beugen. Ich glaube aber,daß, wenn das \olk in Deutschland auch nicht so mitspricht wie in Eng-land , man doch mit ihm rechnen muß. Ihre Leute sind ja viel antienglischer,als sie antifranzösisch oder gar antirussisch sind. Ich sehe hinter allenLiebeserklärungen des Kaisers und Ihren gewiß ehrlichen Bemühungen,ein näheres Verhältnis zu England herbeizuführen, als realen Faktor einVolk von fünfzig Millionen, das unser schlimmster Feind in der Welt ist.Und was den Kaiser angeht, so wissen Sie, daß ich ihn persönlich gern mag,sehr gern sogar. Er ist so unterhaltend, so lebendig, so natürlich, he isreally a good fellow, a very good fellow all around. Aber, Hand aufs Herz,ist Verlaß auf ihn ? Sprechen wir doch ganz offen als alte, gute Freunde,wie wir zusammen sprachen, als Sie noch nicht Kanzler, sondern ein jungerLegationssekretär waren. Während des Burenkriegs überfiel Ihr guterKaiser, God bless him, unseren armen Botschafter in Berlin, Sir FrankLascelles , der sich spät zur Ruhe legt und gern bis zehn Uhr schläft, schonum 8 Uhr früh, setzte sich an sein Bett und ruhte nicht, bis Lascelles einTelegramm aufsetzte, das einen vom Kaiser entworfenen Feldzugsplangegen die Buren enthielt, der angeblich der sichere Schlüssel zur Vernich-tung dieser Leute sein sollte, unter uns gesagt aber a pure nonsense war.Lascelles mußte das Telegramm, das einen im gleichen Sinn gehaltenenBrief Ihres Kaisers an unsere Königin erläutern und in seiner Wirkungverstärken sollte, sofort abgehen lassen. Hinterher hatte er dann diePflicht, bei Regenwetter den Kaiser in Pyjama und Slippers bis an seinenWagen und in die Wilhelmstraße zu begleiten. Einige Zeit 6päter schriebder Kaiser seinem Onkel, wenn ein Birminghamer Football-Club von einemGlasgower Football-Club besiegt worden wäre, brüte er nicht Rache,sondern man schüttle sich die Hand. So möchten es die Engländer nachden von ihnen in Südafrika erlittenen Schlappen auch machen. Der Königantwortete seinem Neffen, daß der Krieg, den ein großes Reich führe, keinFootball-Match sei. Ich will gern zugeben, daß Sie und Ihre Regierung eingutes Verhältnis zu England wünschen. Aber Ihr Kaiser ist unberechenbar,und Ihr Volk, ein Volk von fünfzig Millionen, haßt uns."