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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NUR IN KLEINER UNIFORM

daß möglichst wenig von Bismarck gesprochen werden sollte. Aber er warselbst von ihm wie hypnotisiert. Er wollte vieles nicht, weil Bismarck esgewollt hatte. Dann wieder wollte er manches, um es Bismarck gleichzutun.Er war bemüht, den Bruch mit Bismarck und seine unfreundliche Verab-schiedung zu rechtfertigen, sie als nützlich, notwendig und richtig hinzu-stellen. Er kam oft auf diese Verabschiedung zurück. So glich er ein wenigjenem Studenten in dem berühmten Roman von Dostojewski , dem Ras-kolnikow, der, ohne es zu wollen, immer wieder zu dem Schauplatz seinerschweren Tat zurückgetrieben wird. Er war bemüht, der Auffassung Ein-gang zu verschaffen, daß Bismarck ihm eineunmögliche Erbschaft"hinterlassen hätte und daß es seine, des Kaisers, Mission wäre, die durchBismarck zerrissenen Fäden neu anzuknüpfen und die Lage Deutschlands wieder ins Lot zu bringen. Diesem Zwecke, so führte Wilhelm IL gern aus,dienten seine Reisen, Besuche und Reden. Ich möchte annehmen, daß erauch heute, in dem melancholischen Haus Doorn, nach seinem Sturz undnach seiner Flucht innerlich glaubt, er wäre im Begriff gewesen, die ihmvom Himmel auferlegte schwere Aufgabe zu lösen, als seine Feinde ihnüberfallen und damit alle seine Bemühungen vernichtet hätten.

Als sich der Tag näherte, an dem Bismarcks Denkmal in Berlin enthülltDie Feier werden sollte, Heß mir Wilhelm II. durch Lucanus sagen, er wolle an dieserin Berhn Y e i eT unter keinen Umständen teilnehmen, da dies unter seiner Würdewäre. Der Oberhofmarschall August Eulenburg, der sich ebensowenig wieich darüber im Zweifel war, daß ein demonstratives Fernbleiben SeinerMajestät einen sehr schlechten Eindruck machen würde, arrangierte mireine kurze Begegnung mit dem Kaiser am Potsdamer Bahnhof. Die Unter-redung dauerte kaum zehn Minuten, sie war aber lebhaft. Der Kaiser ent-ließ mich mit den Worten:Wenn Sie es durchaus wollen, werde ich kom-men, aber nur in kleiner Uniform." Aus dem Fenster des kaiserlichenWaggons rief er mir noch zu, er würde keinesfalls selbst sprechen; ich mögedie Rede halten, aber so, daß er damit einverstanden sein könne. DerKaiser erschien wirklich zur Feier am 16. Juni 1901 in kleiner Uniform,begleitet von der Kaiserin, die Bismarck nie gebebt hatte und verstimmtaussah. Ich stand dem Kaiser gerade gegenüber, auf etwa zwanzig SchrittEntfernung. Ich sprach*) sehr langsam und deutbch, so daß er mich gutverstehen konnte, als ich, jedes Wort betonend, darauf hinwies, daß dieSpur der Erdentage des eisernen Kanzlers nie untergehen, daß die Bewunde-rung und Dankbarkeit für ihn nicht aufhören würden, solange ein deutschesHerz schlagen, ein deutscher Mund reden, eine deutsche Faust sich ballenwürde.Dieses Bewußtsein ist heute in Deutschland noch stärker, leben-

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246.