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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BÜLOWS REDE AUF BISMARCK

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diger und klarer als in den Tagen, wo Fürst Bismarck unter uns weilte.Sein gigantischer Schatten wird wachsen, je weiter der Lebenstag desdeutschen Volkes vorrückt und je mehr das nationale Urteil ausreift. Bis-marck hat ausgeführt und vollendet, was seit Jahrhunderten das Sehnenunseres Volkes und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, wasdie Ottonen und Salier und Hohenstaufen vergeblich angestrebt hatten,was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vor-schwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpftund gelitten hatten. Und er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt und Bahn-brecher einer neuen Zeit für das deutsche Volk geworden. In jeder Hinsichtstehen wir auf seinen Schultern." Ich schloß:Dort vor uns liegt die Sieges-allee. Wenn diese stolze Straße von den Nürnberger Burggrafen bis zumgroßen Deutschen Kaiser führt, so verdanken wir es in erster Linie demGenius des Mannes, dessen Bild in Erz sich jetzt vor unseren Blicken ent-hüllen soll, seinem heldenhaften Mut, seiner Arbeit für die Dynastie. Mögedes großen Mannes Name als Feuersäule vor unserem Volke herziehen,möge sein Geist für immer mit uns sein."

Meine Frau war bei der Feier zugegen. Ich wünschte im allgemeinennicht, daß sie den Sitzungen des Parlaments beiwohnte, wenn die Möglich-keit vorlag, daß ich sprechen würde. Teils wollte ich nicht, daß aus ihrerAnwesenheit im Hause und auf der Journalisten-Tribüne der Schluß ge-zogen würde, ich werde das Wort ergreifen. Andererseits pflegte ich ihrscherzend zu sagen, ich hätte nicht Lust, mich in ihrem Beisein zu blamieren,und wünsche nicht, durch anzügliche Reden meiner Gegner meinen Nimbusin ihren schönen Augen einzubüßen. An der Feier für Bismarck wollte sieaber gern teilnehmen, begleitet von dem Chef der Reichskanzlei, Wil-mowski. Als meine Rede sich ihrem Schluß näherte, sagte Wilmowski zumeiner Frau, ich hätte famos gesprochen, sie möge aber ihre Koffer packen,denn diese Rede würde der Kaiser kaum schlucken. Als ich geendigt hatte,kam der Kaiser auf mich zu mit einem so guten und lieben Ausdruck, wieich ihn selten bei ihm gesehen habe. Er drückte mir lange die Hand undsagte mir:Ihre Worte haben mich im Innersten ergriffen." Wie unberechen-bar war Wilhelm IL! Selbst in Momenten, wo diejenigen, die ihn genaukannten, bei ihm eine Verstimmung erwarteten, konnte der edle Kernseines Wesens plötzlich die Oberhand gewinnen. Dann legte er seinen Armunter meinen Arm und führte mich zu Herbert Bismarck , drückte auch ihmdie Hand und fragte ihn, ob ich nicht gut gesprochen hätte.Es ist das Herzein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen ?" klagt Jeremias,der Sohn Hiskias , aus den Priestern zu Anatboth, im Lande Benjamin.Nicht lange vor der Enthüllung des Bismarck-Monuments hatte ich vonHerbert Bismarck einen herzlichen Brief erhalten, der mit den Worten

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