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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE ZOLLPOLITIK

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aber nicht den Wagnerianern sagen, die würden Ihnen die Augen aus-kratzen."

Einige Wochen vor meiner Bismarckrede hatte ich einer geheimen Be-ratung der höheren Beamten der zuständigen Reichsressorts und der Beratungengrößeren Bundesstaaten über unsere Zollpolitik präsidiert, an der von über denpreußischer Seite Posadowsky, Wermuth, Thielmann, Richthofen, Mühl- ZolUari fberg , Körner, Rheinbaben, Podbielski, Kapp, Möller, von den bundes-staatlichen Ministem Riedel, Feilitzsch, Metzsch, Rüger, Buchenberger,Rothe teilnahmen. Bevor die Diskussion begann, einigte ich mich mit dembayrischen Fmanzminister Riedel in einem nicht allzu langen Gespräch,das wir unter vier Augen in einer Fensternische des Bundesraatssaalesführten, endgültig über nachstehende Leitsätze: 1. Der Zolltarif müsse eineGestaltung bekommen, die das Zustandekommen von Handelsverträgennicht ausschlösse. 2. Doppelsätze sollten für möglichst wenige Waren-gattungen aufgenommen werden. 3. Die Zollsätze für Brotgetreide könntenauf etwa fünf bis sechs Mark erhöht werden, ohne daß die Volksernährungdadurch gefährdet würde. 4. Eine Differenzierung des Weizen- und Roggen-zolls wäre wünschenswert, um mit Rußland zu einem Handelsvertrag zukommen und dadurch die Mauer zu durchbrechen, die sich sonst um unsschließen könnte. 5. Der Gerstenzoll dürfe nicht so hoch bemessen werden,daß er zu einer erheblichen Erhöhung der Bierpreise führe. 6. Die Vieh-und Fleischzölle dürften unter gar keinen Umständen so hoch gegriffenwerden, daß die Ernährung der Arbeiterbevölkerung in den großen Städtenverteuert würde. Hier wären hohe Zollsätze besonders bedenklich und ge-fährlich. Auf dieser Grundlage erfolgte die Ausarbeitung des Zolltarifs, derim Dezember desselben Jahres eingebracht werden sollte. Ich war mirvon Anfang an darüber klar gewesen, daß, wenn einerseits der Landwirt-schaft der notwendige Schutz gewährt, andererseits aber auch die Möglich-keit nicht verbaut werden sollte, zu neuen Handelsverträgen zu gelangen,der künftige Zolltarif aus einer Verständigung zwischen Zentrum, National-liberalen und Konservativen hervorgehen mußte. Das Rückgrat einersolchen Koalition konnte nur das Zentrum bilden, das nach seiner ganzenStruktur einen Mikrokosmos der deutschen wirtschaftlichen Verhältnissedarstellte. In seinen Reihen fanden sich Landwirte, Industrielle und Ge-werkschaftssekretäre vereinigt. Es wurde durch seine Natur auf die Politikder Diagonale hingewiesen, die ich selbst verfolgte und die dem Interessedes Landes entsprach.

Daß ich während der langen und erbitterten Kämpfe um den Zolltarifbei der Zentrumspartei einen nie versagenden Rückhalt fand, war auch der Die HaltungUmsicht und Klugheit zu verdanken, mit der die Fraktion von dem Ab- der Parteiengeordneten Spahn geführt wurde. Peter Spahn war nicht das, was man einen

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