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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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EIN TRICK

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Gutgläubigkeit und Glaubwürdigkeit der Regierung Mangel an Entgegen-kommen für die Interessen der Landwirtschaft vorzuwerfen. Um dies zuerreichen, gHssierte ich unter der Hand in ein demokratisches süddeutschesBlatt die Notiz, daß allen denjenigen eine herbe Enttäuschung bevorstehe,die einen maßvollen Zolltarif erwartet hätten. Nach dem, was über denkünftigen Zolltarif verlaute, wären die weitestgehenden Besorgnisse hin-sichtlich einer allgemeinen Verteuerung der Volksernährung und einergleichzeitigen ernsten Störung aller unserer Handelsbeziehungen nur zusehr gerechtfertigt. Es folgten einige ad hoc ausgesuchte und zugespitzteAngaben über die von der Regierungleider" in Aussicht genommenenexorbitanten" Agrarzölle. Bald nachher ließ ich in derNorddeutschenAllgemeinen Zeitung" erklären, daß, nachdemdurch eine bedauerlicheIndiskretion" ein Teil des Zolltarifentwurfs bekanntgeworden wäre, ichdie Zustimmung der Bundesregierung zur amtlichen Publikation eingeholthätte, die sodann erfolgte. Nun erhob sich in der ganzen linksstehendenPresse ein fürchterliches Geschrei. Die demokratischen Blätter tobtenwegen der gesetzlichen Bindung der Mindestzölle, die sozialistischen drohten mit Obstruktion. DerVorwärts" erklärte, der Zolltarif ginge weitüber jedes Maß hinaus, das selbst die pessimistischsten Beurteiler desKanzlers Bülow erwartet hätten. Auch die mildere Tante Voß sah das Endeder Handelsvertragspolitik, die völlige wirtschaftliche Isolierung Deutsch-lands gekommen. Das agrarische Hauptorgan, dieDeutsche Tages-zeitung", suchte den Hieb zu parieren, indem sie behauptete, der von derRegierung beabsichtigte Zolltarif könne selbst die bescheidensten Land-wirte nicht zufriedenstellen. Sie fand aber damit wenig Glauben und nichtviel Anklang. Die Stimmung war für sie verdorben, die Situation verscho-ben. Die extremen Agrarier waren, wie ich das beabsichtigt hatte, aus derRolle des mit einigem Recht klagenden Hungerleiders in die des nie zu be-friedigenden Nimmersatts versetzt worden. So wurde es dem Führer derKonservativen, dem Grafen Stirum, erleichtert, seine Partei zusammenzu-halten und vor einer selbstmörderischen Opposition gegen den Zolltarif-entwurf zu bewahren, die für die Konservativen ebenso verderblich ge-wesen wäre wie für die Landwirtschaft. Die Führung des Grafen Stirumwar vom Staatsinteresse inspiriert und in ihren Zielen eine staatsmännische.Acht Jahre später wurde die konservative Partei von Herrn von Heyde-brand, der über parteipolitischen Erwägungen das Staatsinteresse vergaß,in eine Richtung gedrängt, die Preußen, die dem Reiche und die schließlichauch der Partei selbst schwere Wunden schlagen sollte.