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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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CH AMBERL AI N ÜBER 1870

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wüsten Kämpfe der Russen mit Schamyl und der Franzosen mit denSchwarzflaggen in Tongking, die österreichischen Strafexpeditionen gegenbosnische Insurgenten und die vielfach barbarische russische Repressionpolnischer Aufstände könnten nicht auf eine Stufe mit dem von uns gegenFrankreich geführten Verteidigungskrieg gesetzt werden. Eher hätte Cham-berlain auf Napoleon I. und die Erschießung von Palm, von Andreas Hofer und der Schillschen Offiziere hinweisen können. Wir könnten im Gegenteilan die Proklamation erinnern, die Kaiser Wilhelm I. 1870 beim Beginn desDeutsch -Französischen Krieges an das deutsche Heer gerichtet hatte:Wir führen den Krieg nicht gegen friedliche Einwohner." Sir Frank hattevolles Verständnis für meine Vorstellungen. Er sagte mir aus eigenerInitiative, das Vorgehen von Chamberlain wäre um so bedauerlicher, alsich während des ganzen Burenkrieges der antiengbschen Stimmung inDeutschland unerschrocken entgegengetreten wäre, ganz abgesehen vonmeiner englandfreundlichen Politik.

Es gelang Lascelles aber nicht, Mr. Chamberlain zu irgendeiner Erklärungzu veranlassen. Auch unsere Botschaft in London , die in der gleichenRichtung tätig war, erreichte nichts. Auf eine Interpellation im englischenParlament, in der Chamberlain von einem liberalen Mitglied des Unter-hauses gefragt wurde, weshalb er die deutsche öffentliche Meinung ohneallen Anlaß provoziert und beleidigt habe, entgegnete der Kolonial-minister von oben herunter: Kein vernünftiger Deutscher könne sich durchseine Worte beleidigt fühlen, die Entrüstung in Deutschland sei künstlicherzeugt. Das goß natürlich Öl ins Feuer. Ich bin jetzt wie damals der An-sicht, daß bei einer so hochmütigen Haltung des englischen Kolonial-ministers es meine Pflicht war, als seine Schmähungen bei der ersten Lesungdes Reichshaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1902 zur Sprache gebrachtwurden, nicht nur den heroischen Charakter und die sittHchen Grundlagenunserer nationalen Einheitskämpfe zu verteidigen, sondern auchdasschiefe Urteil" des englischen Ministers zurückzuweisen. Es sei begreiflich,führte ich aus, wenn in einem Volk, das mit seinem Heere so innig ver-wachsen wäre wie das deutsche, das allgemeine Gefühl sich auflehne gegenden Versuch und schon gegen den Schein, unser Heer und unser Volk zubeleidigen. Ich nähme an, daß Mr. Chamberlain nicht die Absicht gehabthabe, unsere Gefühle zu verletzen. Aber gegenüber einem Lande, das wieDeutschland stets bestrebt gewesen wäre, gute, freundschaftliche undungetrübte Beziehungen zu England zu unterhalten, müßten auch Miß-verständnisse vermieden werden. Unser Heer stehe aber zu hoch, und seinWappenschild sei zu blank, als daß es durch ungerechte Angriffe berührtwerden könne. Hier gelte das Wort Friedrichs des Großen, der in einemähnlichen Fall einmal gesagt hätte:Laßt den Mann gewähren und regt