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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE MONARCHEN BEZAHLEN DIE ZECHE

bund in völlig unveränderter Form im Gartenzimmer des Reichskanzler-palais von mir mit den Botschaftern Szögyenyi und Lanza unterzeichnet.Ich hatte nach der Entrevue von Heia dem Kaiser verschiedentlich aus-Ncue einandergesetzt, wie sehr er sich durch seine unfreundliche Behandlung desZusammen- russischen Ministers des Äußern die von ihm sehr und beinahe zu osten-kunft mildem tat j v g ew ün SC hten freundnachbarlichen Beziehungen zum Zaren erschwere.

Solche geistige Massage, wie ich diese Einwirkung auf Wilhelm II. zu nennenpflegte, war damals noch erfolgreich. Bei der neuen Begegnung, die AnfangAugust in Reval in meinem Beisein zwischen dem Kaiser und dem Zarenvor sich ging, begrüßte Wilhelm II. den russischen Minister des Äußernmit ruhiger Freundlichkeit, als ob zwischen ihnen nie etwas vorgefallenwäre. Er schüttelte ihm die Hand und überreichte ihm persönlich denhohen Orden vom Schwarzen Adler. Er enthielt sich auch aller Scherze,als das Kanonengebrüll während der Flottenmanöver die Nerven desGrafen Lambsdorff einigermaßen anzugreifen schien. Der alte KabinettsratLucanus pflegte zu sagen, daß Wilhelm II. leider oft entgleise, sich abermeist wieder einrenke, wenn er den richtigen Berater an seiner Seite habe.Darauf käme alles bei ihm an.

Aus der langen Unterredung, die ich mit dem Zaren hatte, ist mir derMoment in Erinnerung geblieben, wo ich ihn an das Wort von Bismarckerinnerte, das ich ihm gegenüber schon einmal erwähnt hatte, nämlich,daß den schließlichen militärischen Ausgang eines Krieges zwischen dendrei Kaiserreichen niemand voraussagen könne, daß aber höchstwahr-scheinlich die drei Monarchen die Zeche würden bezahlen müssen. KaiserNikolaus ergriff meine Hand, sah mich mit seinen melancholischen Augenlange an und sagte dann:J'en suis aussi convaineu que vous!" Mit Be-fremden bemerkte ich während unseres Aufenthalts in Reval, daß der rus-sische Marineattache in Berlin, Paulis, dessen Intimität mit Senden mirschon früher unangenehm aufgefallen war, jeden Augenblick auf derHohenzollern" erschien, wo er mit dem Chef des Marinekabinetts eifrigund eingehend konferierte. Ich stellte Senden zur Rede, der mir mit derobstinaten Einfältigkeit, die ihm eigen war, erklärte, der Kapitänleutnantzur See von Paulis sei ein Bewunderer des Kaisers, ein Freund Deutsch-lands und ein Feind Englands. Was wollen Sie mehr? Dem kann mantrauen!" Ich brachte die Sache dem Kaiser gegenüber zur Sprache, dem esbei seiner Gutmütigkeit und weil er in seiner Umgebung ungern pikierteGesichter sah, immer unerwünscht war, einem Adjutanten etwas Unan-genehmes sagen zu müssen. Die latente Feindschaft des Königs Eduard fürseinen kaiserlichen Neffen und das ohnehin vorhandene Mißtrauen weiterenglischer Kreise gegen die deutsche Politik sog immer wieder neue Nah-rung aus unvorsichtigen Äußerungen, die der Kaiser und einzelne Herren