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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE EXTRATOUR

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sein, daß die italienischen Politiker schon lange bevor Fürst Bismarck einmal öffentlich sagte, Regierungen und Minister könnten Bündnisverträgenur so lange halten, als dies durch die Lebensinteressen des eigenen Staatesgeboten wäre, ihr politisches Verhalten nach diesem Axiom einzurichtengewohnt waren. Als während eines kurzen Aufenthalts, den ich im Früh-jahr 1902 in Venedig genommen hatte, der italienische Minister des Äußern,Herr Prinetti, der mich dort aufsuchte, wegen einzelner Abänderungendes Dreibundvertrages lebhaft in mich drang, stellte ich mich ihm gegen-über auf den Standpunkt, den im 18. Jahrhundert der Jesuitengeneraleingenommen hatte, als man von ihm eine Reform des Ordens verlangte:Sint ut sunt aut non sint."

In derselben Rede, in der ich mich gegen die Edinburger Rede des HerrnChamberlain wenden mußte, hatte ich offen ausgesprochen, daß der Drei-bund ein nützliches Bindemittel für drei Staaten wäre, die durch ihregeographische Lage und ihre historischen Traditionen darauf angewiesenseien, gute Nachbarschaft zu halten, daß ihm andererseits alle angriffs- undkriegslustigen Absichten fernlägen, daß er den Gefühlen und Erinnerungendes deutschen Volks entspräche, daß er aber für Deutschland keine absoluteNotwendigkeit wäre. Diese meine Wendung beunruhigte den ehrwürdigenKaiser Franz Josef, sie ärgerte die Wiener Generalstäbler und die ungari-schen Chauvinisten. Der arme Phili Eulenburg, der sogleich die Nervenverlor, richtete einen larmoyanten Brief an mich, in dem es hieß, Go-luchowski seifassungslos", Kaiser Franz Josef schwer pikiert", ganzOsterreich tief verstimmt". Die Wirkung meiner Rede war aber, daß mansich in Wien beedte, eine unveränderte Erneuerung des Dreibundes bereit-willig zu akzeptieren. Alt-Österreich gehörte zu den Pferden, bei denen,wer sie reiten will, ab und zu die Kandare anziehen muß. GegenüberItaUen brauchte ich die oft zitierte Wendung:In einer glücklichen Ehemuß der Gatte nicht gleich einen roten Kopf kriegen, wenn seine Fraueinmal mit einem anderen eine unschuldige Extratour tanzt. Die Haupt-sache ist, daß sie ihm nicht durchgeht, und sie wird ihm nicht durchgehen,wenn sie es bei ihm am besten hat." Ich wußte sehr wohl, daß die italie-nische Diplomatie am Dreibund festzuhalten, aber gleichzeitig sich für denFall, daß Italien einmal nach Tripolis seine Hand ausstrecken sollte, gegenfranzösische Opposition zu sichern wünschte. Sie wollte sich überhauptmöglichst alle Wege offenhalten. Ich wußte auch, daß Italien , darin tat-sächlich wie manche schöne Frauen, am ehesten treu blieb, wenn ihmgegenüber alles vermieden wurde, was nach scharfem Zwang oder gar zuenger Bindung aussah. Ich war immer der Ansicht, daß es weniger auf denBuchstaben ankomme als auf den Geist, nicht auf diesen oder jenen Einzel-punkt, sondern auf die Gesamtpolitik. Am 28. Juni 1902 wurde der Drei-

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