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DER DREIBUND
Zeiten. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Vor uns das„Paradies des Rheins", das Siebengebirge . Aus dem Strom erhob sich derFels, wo Siegfried den Drachen schlug. Gegenüber ragten die Ruinen vonRolandseck , wo Roland um die schöne Hildegard trauerte. ZwischenRolandseck und dem Drachenfels lag mitten im Rhein ruhig und freundlichmit ihren Ulmen, Pappeln und Weiden die Insel Nonnenwerth , auf der dasKloster stand, in das Hildegard sich von der Welt zurückgezogen hatte,um nur dem Himmel zu leben. Diesen Strom umkreist mit mächtigemFlügelschlag die deutsche Sage, er mahnt an Roland und an Siegfried , ermahnt aber auch an Ernst Moritz Arndt , an den Reichsfreiherrn vomStein, an den alten Blücher, der in der gesegneten Neujahrsnacht 1814den Rhein überschritt. Der Strom, an dem sich immer wieder die Schick-sale des deutschen Volkes entscheiden, der nationale Strom, wo jetzt fran-zösischer Ubermut sich breitmacht, der Strom, nach dem sie sich gleichgierigen Raben lange, aber vergeblich heiserschrien, bis sie ihm jetzt,schwarze und weiße Barbaren, ihr Joch aufzwangen. Dieses Joch zubrechen, sei der erste und letzte Gedanke jedes Deutschen, der diesenNamen verdient!
Im Hochsommer 1902 mußte die Erneuerung des Dreiverbandes er-Unveränderte folgen. Sowohl in Wien wie in Rom trat die Tendenz hervor, bei dieserErneuerung Gelegenheit den Dreibund zu modifizieren. In Wien bestand der Wunsch,ies Dreibunds j) eutsc j 1 j an) j m <jge sich für den Fall österreichischer Differenzen einerseitsmit Rußland , andererseits mit den Balkanstaaten noch fester und detail-lierter an die habsburgische Monarchie binden als bisher. In Italien wünschte man umgekehrt die durch den Dreibund auferlegten Verpflich-tungen abzuschwächen. Ich wollte die Erneuerung des Dreibunds in ganzunveränderter Form, nicht nur wegen des Eindrucks auf die Welt, sondernauch als Zaun für unsere Alliierten. Ich war mir längst im klaren darüber,daß die Wiener Politik mit dem deutschen Pfund auf der Balkanhalbinsel gern noch ergiebiger und ungenierter gewuchert hätte als bisher und daßim österreichischen Generalstab die Tendenz bestand, bei passender Ge-legenheit, sei es gegen das in Wien traditionell verhaßte Italien , sei es gegendie namentlich von den Ungarn teils verachteten, teils mit Mißtrauenbeobachteten Serben und Rumänen, eine Attacke zu reiten. Ich wußteebensogut, daß umgekehrt die Italiener sich tunlichste Freiheit der Ent-schließung zu wahren, daß sie sich für alle Fälle zu sichern suchten, daß siemöglichst viele Eisen im Feuer zu haben traditionell bestrebt waren. Werdie Berichte der venezianischen Gesandten und die Instruktionen derpäpstlichen Cancelleria während des fünfzehnten und sechzehnten Jahr-hunderts best, wird erfüllt mit Bewunderung für die dort niedergelegtepolitische Klugheit. Er wird aber gleichzeitig nicht im Zweifel darüber