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„DER KAISER SCHLÄFT NICHT MEHR SO GUT"
Mit dem Kaiser hatte ich die ernsteste Auseinandersetzung, die ich seitder ominösen Bremerhavener Rede mit ihm führte. Er wurde schließlichsehr weich. Ich hielt es aber für meine Pflicht, nicht lockerzulassen, dennSicherheit und Zukunft des Reichs hingen von der Unantastbarkeit seinerföderativen Grundlagen ab. Gerade Bayern mußte mit Behutsamkeit undmit Takt behandelt werden. Als ich immer wieder auf die Angelegenheitzurückkam, sagte mir schließlich die gute Kaiserin, die viel zu verständigwar, um die Swinemünder Depesche nicht zu beklagen, die aber in ihrerzärtlichen Liebe für ihren Gemahl ihn nicht leiden sehen konnte: „UmGottes willen, hören Sie endlich auf! Der Kaiser schläft nicht mehr so gut wiesonst." Ich hatte soeben dies immerhin anerkennenswerte Resultat erreicht,als der Zufall einen bekannten süddeutschen Professor an die kaiserheheTafel führte. Dieser Biedermann hatte kaum Platz genommen, als er, zumKaiser gewandt, diesem „aus vollem Herzen" zu der „herrlichen" Swine-münder Depesche gratulierte, die ganz Süddeutscldand begeistert hätte.„Das ist ja sehr interessant!" rief freudig bewegt der Kaiser. „Und wegendieser Depesche liest mir mein Kanzler die Leviten." Wenn Wilhelm II. nicht selten politisch gesündigt hat, so ist durch Liebedienerei und Schmei-chelsucht noch viel mehr an ihm gesündigt worden. „Du sublime au ridiculeil n'y a qu'un pas", wiederholte Napoleon I. immer wieder seinem Ge-sandten in Warschau, dem Abbe de Pradt, als er auf der Flucht aus Ruß-land bei ihm eintraf. Als der Ministerpräsident Graf Crailsheim währendder durch die Swinemünder Depesche hervorgerufenen Krise, die ihnschließlich verschlingen sollte, bei einem Diner in der preußischen Gesandt-schaft in München neben der Gattin des Gesandten, der Gräfin GiselaPourtales, saß, frug ihn die hübsche und Uebenswürdige, aber politischahnungslose Dame, ob er wirklich, wie man ihr erzählt habe, eine Villa inSwinemünde gekauft hätte, um dort seinen Lebensabend zu beschließen.Der immer würdige, aber steife Graf Crailsheim, der anfänglich glaubte, diepreußische Gesandtin wolle ihn verhöhnen, war peinlich berührt, bis dasehrliche Erstaunen und die aufrichtige Betrübnis der scharmanten Gesandtinihm keine Zweifel darüber ließen, daß sie den boshaften Witz eines Geg-ners des Ministerpräsidenten für bare Münze gehalten hatte.
Am 22. November 1902 starb plötzlich Alfred Krupp , der Sohn desTod genialen Begründers der bedeutendsten Gußstahlfabrik der Welt. DerAlfred Fi rma Krupp gehörten neben der Gußstahlfabrik in Essen die von ihrTrupps angekayftg f ru h er Grusonsche Maschinenfabrik und Gießerei in Buckau, die Germaniawerft in Kiel, das Stahlwerk in Annen, die Saynerhütte, dreiKohlengruben, vier Hochofenanlagen und über 500 Eisensteingruben. DasKruppsche Unternehmen hatte längst die Schneiderschen Eisen- undMaschinenwerke in Creusot überflügelt, die der Stolz Frankreichs waren.