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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER NERVÖSE KRUPP

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Krupp hatte Ansehen und Ruhm deutscher Industrie und deutscher Arbeitüber die ganze Welt verbreitet, die uns um dieses gewaltige Unternehmenbeneidete. Vielleicht noch ehrenvoller war die großzügige, kaum irgendwoerreichte Art, in der von der Firma durch Krankenhäuser, Konsumanstal-ten, Haushaltungs- und Industrieschulen, Beamten- und Arbeiterhäuserfür Angestellte und Beamte gesorgt wurde. Das war Sozialpolitik, das warpraktisches Christentum! Im Gegensatz zu seinem Vater, dem willens-starken, knorrigen und kantigen Begründer des Riesenwerks, einer wahrenHerrschernatur, war Alfred Krupp ein kränklicher Mann, eher empfindlich,nervös, etwas weich. Das Kruppsche Unternehmen war der Sozialdemo-kratie seit langem ein Dorn im Auge, gerade weil die Arbeiter und Angestelltenzufrieden waren. Ferdinand Lassalle hatte das berüchtigte Wort geprägt:die verdammte Zufriedenheit". Von Miquel wurde erzählt, daß er alsStudent, damals in jugendlichem Unverstand zu kommunistischen An-schauungen neigend, in Wiesbaden einem Freund, der einem Bettler einigeKreuzer schenken wollte, mit den Worten in den Arm gefallen wäre:Halte doch den sozialen Umsturz nicht auf." Was die Leitung der Sozial-demokratie besonders ärgerte, war, daß die Kruppschen Arbeiter in ihrergroßen Mehrheit bei den Wahlen nicht für den sozialdemokratischen Kan-didaten stimmten.

Einige Wochen vor dem Tode von Alfred Krupp hatte derVorwärts"einen Artikel gebracht, in dem erzählt wurde, Krupp habe sich währendeines Aufenthalts in Capri gegen § 175 des Strafgesetzbuches vergangenund sei deshalb aus Italien ausgewiesen worden. Die italienische Regierunghatte diese Behauptung sofort und spontan dementiert, und Krupp erhobKlage gegen denVorwärts" wegen Beleidigung. Bald nachher starb Krupp,kaum achtundvierzig Jahre alt. Das Gerücht, Krupp habe selbst seinemLeben ein Ende gesetzt, ist unbegründet, sicher dagegen, daß der zurMelancholie neigende, allzu fein besaitete, dazu schwer herzleidende Manninfolge der Aufregung über die gegen ihn lancierten Verleumdungen raschhintereinander zwei Schlaganfälle erlitt. Gleichzeitig stellte sich heraus,daß diese Verleumdungen von einer süditalienischen Erpresserbandeerfunden worden waren, die hoffte, auf diese Weise dem deutschen Nabobeinige Millionen zu entreißen. Es stand außer Zweifel, daß derVorwärts"sich über die Unwahrheit der von ihm verbreiteten Beschuldigungen völligim klaren gewesen war. Wenn das Vorgehen desVorwärts" von einer auchim schärfsten politischen Kampf nie zu entschuldigenden Roheit des Ge-müts und Gemeinheit der Gesinnung zeugte, so war fast noch widerlicherdie Heuchelei, mit der das leitende sozialdemokratische Blatt seinen Vor-stoß damit zu entschuldigen suchte, daß es ihm nur darum zu tun gewesenwäre, auf diese Weise die Notwendigkeit der Aufhebung des § 175 zu erweisen.