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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BISCHOF KORUM STÖRT DEN FRIEDEN

die Marseillaise an, das Sturmlied der Revolution. Die Geistlichen auf derEstrade sangen mit. In Deutschland hat in der Vergangenheit der konfes-sionelle Standpunkt nur zu oft den nationalen und patriotischen überwogen.Auf der Höhe des Weltkriegs erklärte mir ein befreundeter bayrischerMönch, sonst ein wackerer Mann, er sei kürzlich bei einem Besuch an derFront von einem bayrischen Prinzen aufgefordert worden, gemeinsam miteinem evangelischen Feldprediger eine Ansprache an bayrische Truppenzu halten, habe dies aber mit Entrüstung abgelehnt. Vor einem Wittels-bacher könne ein katholischer Ordensmann sich nicht auf dieselbe Linieund in die gleiche Reihe mit einem protestantischen Pastor stellen. Derbiedere Pater war ganz stolz auf diese seine Weigerung. Und dabei bekenntsich ein gutes Drittel des bayrischen Volks zur evangelischen Kirche. Gernund freudig stelle ich fest, daß seit dem Weltkrieg die konfessionellenGegensätze mehr und mehr in den Hintergrund getreten sind.

Ich glaube ohne Überhebung sagen zu können, daß es mir währendDer Fall meiner Amtszeit gelungen ist, einiges zur Versöhnlichkeit der Konfessionendes Bischofs un( J damit zu diesem Fortschritt beizutragen. Jedenfalls habe ich immer inKoTum diesem Sinne gearbeitet, indem ich nie einen Unterschied zwischen Pro-testanten und Katholiken machte, nie katholische Gefühle und Rechteverletzte. Um so unangenehmer empfand ich es, daß dieser Friede durch einplötzliches und unüberlegtes Vorgehen des Bischofs Korum von Trier ge-stört wurde, der von den Kanzeln eine Erklärung verlesen hieß, durch die erkatholische Eltern, deren Kinder die staatliche höhere Töchterschule inTrier besuchten, mit kirchlichen Zuchtmitteln bedrohte. Die national-liberale Partei brachte eine Interpellation im Abgeordnetenhaus ein, dievon dem Abgeordneten Hackenberg, einem evangelischen Geistlichen derRheinprovinz , mit viel Temperament vertreten wurde. In meiner Beant-wortung der Interpellation* gab ich meinem tiefen Bedauern über dasVorgehen des Bischofs von Trier Ausdruck, ermahnte aber gleichzeitigbeide Teile zur Versöhnlichkeit. Der konfessionelle Zwiespalt, der durchunser Volk ginge, nötige Katholiken wie Protestanten, sich ineinander zuschicken und sich miteinander einzurichten. Prinzipien wären unversöhn-lich, prinzipielle Grundsätze müßten aber auf geistigem Gebiet mit geistigenWaffen ausgefochten werden. In der Praxis müßten wir miteinander aus-kommen. Ich gäbe mich der Hoffnung hin, daß die Kurie mit mir dafürsorgen werde, daß der bedauerliche Zwischenfall ohne weitere, für die Be-ziehungen zwischen Staat und Kirche störende und für die Allgemeinheitschädliche Folgen bleiben werde. Der Standpunkt der Zentrumspartei wurde von dem Abgeordneten Dittrich, einem vortreff liehen Domherrn aus

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 426; Kleine Ausgabe II, S. 281.