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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE GROSSEN PARTEIEN WARNEN

Millerand führte zu einer Begegnung zwischen mir und dem sozialistischen Abgeordneten von Vollmar. Dieser, der damals den gemäßigten Flügel derSozialisten, die sogenannten Revisionisten, führte, bat mich um eineUnterredung, die ich ihm gern gewährte. Ich empfing von ihm den Eindruckeines nicht nur gescheiten, sondern auch ehrlichen und charaktervollenMannes, mit dem, unbeschadet der beiderseitigen Grundsätze, eine prak-tische Verständigung wohl möglich war. Den Anfang mußte freilich dieErnennung von Parlamentariern aus verschiedenen Parteien zu Ministembilden, wozu sich der Kaiser in der Besorgnis, in seiner Ellbogenfreiheit, inseinem persönlichen Auftreten, seinen Reden und Reisen, seinen abruptenEntscheidungen und extemporierten Ansprachen eingeengt und beschränktzu werden, selbst nach meinem Wahlsiege vom Januar 1907 nicht ent-schließen konnte. Uber meine Unterhaltung mit Herrn von Vollmarbewahrte ich natürlich Schweigen. Bebel scheint aber doch irgendwiedahintergekommen zu sein, denn an einem der nächsten Tage erklärte erin einer seiner längsten Reden mit einem grimmigen Blick auf Vollmar, erwürde nie erlauben, daß ein Sozialdemokrat ohne ganz bestimmte Garan-tien und anders als unter ganz bestimmten Bedingungen ein Minister-Portefeuille übernähme.

Nach dem vorläufigen Abschluß dieser in vieler Hinsicht nicht nur uner-

Denkschrift quicklicken, sondern auch bedenklichen Kaiser-Debatten erschienen beider mir die Vertreter der drei Parteien, die gemeinsam den Zolltarif zustande

Regierungs- gebracht hatten: Graf Hompesch für das Zentrum, Graf Limburg-Stirum

Parteien ^.^ Konservativen, Ernst Bassermann für die Nationalliberalen,über die

Monarchie Männer deren monarchische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben war.

Sie überreichten mir eine Denkschrift, in der ausgeführt war, daß die Unbe-sonnenheit Wilhelms II. in Reden und Auftreten für die Monarchie einegroße Gefahr bedeute. Sie zweifelten nicht an dem guten Willen des Kaisers,noch an seinen besten Absichten. Durch seine Überhebung wie durch seineEntgleisungen untergrabe er aber Ansehen und Zukunft der Monarchie.Ich möge dafür sorgen, daß sich der Kaiser größere Zurückhaltung auferlegeund größerer Vorsicht befleißige. Ich erklärte den Herren, daß ich bei vollerWürdigung ihrer loyalen und patriotischen Gesinnungen und Absichtenihre Denkschrift nicht entgegennehmen könne. Es würde das weder meinemmonarchischen Empfinden noch der traditionellen Stellung der Monarchiein Deutschland noch dem Geist unserer Verfassung entsprechen. Ich würdeaber im Sinne ihrer Vorstellungen ernst und nachdrücklich mit SeinerMajestät sprechen. Die Herren erklärten mir aus eigener Initiative, daßüber ihre Demarche nichts in die Öffentlichkeit gelangen werde. Da ichwußte, daß meine schriftlichen Vorstellungen auf den Kaiser nachhaltigerenEindruck machten als mündliche, so richtete ich am nächsten Tage einen