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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE KOCHENDE VOLKSSEELE

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Politik zu verdammen, und die überhaupt gern von ihrervölkerverbin-denden Kraft" sprach, hetzte während und nach dem Burenkrieg gegen dieEngländer. Auch der sonst verständigere Vollmar warf mir vor, daß meinePolitik während des Südafrikanischen Krieges nicht in Übereinstimmungmit demVolksempfinden" gestanden hätte. Ich mußte ihn und mit nochgrößerem Nachdruck den Antisemiten Liebermann von Sonnenberg daranerinnern, daß auswärtige Politik nicht mit dem Herzen, sondern mit demKopf gemacht würde, und verteidigte den Nichtempfang der Burengenerale, Nichtempfangdie kurz vorher in Berlin eingetroffen waren. Die Stimmung in Berlin war dernoch so antienglisch, daß der Gasthof,, wo der General de Wet und seine ^ uren g enera ^ ebeiden Kameraden abgestiegen waren, den ganzen Tag von einer Volks-menge umlagert war, die andächtigDie Wacht am Rhein ", das Lied vonder festen Burg und das LiedDeutschland, Deutschland über alles" sang.Wenn ich mich nicht täusche, so hat der damals von den Berlinern gefeierteBurengeneral später im Weltkrieg auf englischer Seite gegen uns gefochten.Ich rechnete mit der Unvernunft der Alldeutschen ab, denen ich, und über siehinaus vielen Deutschen , bei diesem Anlaß sagte, daß Grobheit nicht Würdeund Kratzbürstigkeit nicht Festigkeit wäre. Jeder Kaufmann wisse, daßGeschäfte nicht notwendig mit schlechter Manier geführt zu werdenbrauchen. Chauvinismus und Vaterlandsliebe wären nicht identische Be-griffe, ein ewiges Drohen und Schelten und Schimpfen gegenüber dem Aus-land sei noch kein Beweis für richtiges Nationalbewußtsein. Wenn die Kunsteines auswärtigen Ministers lediglich darin bestünde, von Zeit zu Zeit mitder Faust auf den Tisch zu schlagen, dann könnte mancher Minister desÄußern sein. Wir sollten nicht den Renommisten und Großsprecher spielen,sondern, wie das gute deutsche Art sei, den ruhigen und festen Mann, derohne unnötiges Maulheldentum sich und die Seinigen schützt. Die All-deutschen haben, wie ich heute hinzufüge, durch ihre Übertreibungen, ihreTaktlosigkeit und ihren völligen Mangel an politischem Urteil uns sehr ge-schadet. Ich gebe zu, daß sie weniger aus Bosheit sündigten als aus jenernaiven Einfältigkeit, die der deutsche Politiker nur zu oft an den Tag legt.

Die bedauerlichste Folge der Swinemünder Depesche war, daß sieschließlich doch zum Rücktritt des Grafen Crailsheim führte, der ein Staats- Rücktrittmann war. Das sagte mir am Tage, wo der Rücktritt des Grafen Crailsheim Crailsheimsbekannt wurde, kein anderer als der Zentrumsmann und spätere bayrischeMinisterpräsident und deutsche Reichskanzler Hertling. Den unmittel-baren Anlaß zum Sturz des Grafen gab Schädler durch eine bei einer Volks-versammlung in München gehaltene Rede, in der er mit lächerlicherÜbertreibung von derkochenden bayrischen Volksseele" sprach. Diesegute Volksseele hat während der Ära Eisner noch ganz anderen AnlaßzumKochen" gehabt. Meine Verlesung des kaiserlichen Marginals über