EIN SCHWIMMENDES SCHAUSPIELHAUS
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wäre eine von dem Historiker Oncken verfaßte Schrift: „Die Flucht desPrinzen von Preußen nach England 1848", abends vorgelesen worden,was bei dem Kaiser einen Ausbruch „pathologischer Heftigkeit" hervor-gerufen hätte. Er habe die kommende Revolution und ihre Niederwerfunggeschildert. Er habe Rache!! zu nehmen für 1848. „Dann ging es weiter,lauter Widersprüche, totale Unklarheit, unglaubliche Ausdrücke: ,JederMensch ist ein Schweinehund! Nur durch ganz bestimmte B e fe h 1 e wird ergehalten und dirigiert'." Da gerade von Generalen von 1848 die Rede war,hätte sich diese Bemerkung also in erster Linie auf Generale im allgemeinenbezogen. Der Kaiser wäre dann stundenlang allein mit verstörtem Ausdruckumhergegangen. Dann hätte er, Eulenburg, sich ihm angeschlossen, ihmvon allerhand harmlosen Dingen gesprochen, um ihn zu beruhigen. „Aberer hörte mir ganz zerstreut zu. Dann fing er plötzlich an — ja, ich will eseinfach sagen, wie es war — furchtbarzulügen. Es handelte sich um altePrivatdinge, die ihn betrafen. Er mußte wissen, daß ich genau orientiertwar, schien es aber vergessen zu haben. Ich hörte völlig schweigend zu.Aber immer wollte kein Schluß kommen. Er machte mir — blaß, heftigperorierend, unruhig um sich blickend und Lüge auf Lüge häufend — einenso schrecklichen Eindruck! Nicht gesund — ist wohl die geringste Formeines Urteils. Kessel erzählte mir, daß schon während der kurzen Zeit seinesKommandos als Kommandierender General in Berlin S. M. zweimal beivöllig geringfügigen Anlässen in offenen Telegrammen auf das Volk zuschießen befohlen habe. Kessel sagt, ihm sei die Diskretion des Telegraphen-personals geradezu bewundernswert erschienen. Da er nicht den Befehlengefolgt habe, erwartete er irgendeine ,Äußerung' — aber es sei gar nichtsdarauf erfolgt."
Eulenburg schrieb weiter, der Kaiser stünde unter dem ihn erregendenEindruck seines völlig vergeblichen Liebeswerbens in England und inRußland . Er habe auch das unbestimmte Gefühl, nicht mehr die welt-erstaunenden Coups wagen zu können, nach denen seine große Eitelkeitverlange. Dazu komme das völlig sinnlos ungesunde Leben, das während derNordlandreise „an Bord dieses schwimmenden Schauspielhauses" geführtwerde. Aus Rominten klagte Eulenburg in gewohnter Weise über dieKaiserin: „Ihre Liebe für S. M. ist wie die Leidenschaft einer Köchin zuihrem Schatz, der im Begriff steht, abzubauen. Diese Art, sich zu oktroy-ieren, ist nun allerdings nicht das Mittel, um sich fester zu setzen." Mitseinem feinen Verstand fühlte Eulenburg schon damals durch, daß zwischendem Kaiser und seinem von ihm sehr verschiedenen ältesten Sohn sichgewisse Gegensätze herausbildeten. Der Kaiser habe dem Kronprinzeneinen sehr energischen Adjutanten beigegeben, da Seine Kaiserliche undKönigliche Hoheit eine gewisse Tendenz zeige, sich in moderner Richtung