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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS KONKLAVE

ständen war die Frage, an welchem Orte der neue Papst sich dem Volkezum erstenmal zeigen solle, um es zu segnen. Bekanntlich geschah diesvor 1870 von der nach dem Petersplatze führenden äußeren Loggia aus.Leo XIII . aber erteilte auf den Rat einiger Kardinäle den Segen von derinneren, nach der St.-Peterskirche führenden Loggia, um damit sofort seineStellungnahme zu der neuen politischen Ordnung in Rom zu kennzeichnen.Es erschien nun den Kardinälen jetzt nicht rätlich, daß der NachfolgerLeos XIII . von dieser Handlungsweise abweiche, um nicht unerfüllbareHoffnungen auf der einen und Argwohn auf der anderen Seite zu erregen.

Inzwischen hatten die italienischen Kardinäle Zeit, sich über dieWahl eines Nachfolgers Leos XIII . zu verständigen. Es hatten sich ver-schiedene Gruppen gebildet, deren stärkste den Kardinal Rampolla be-günstigte. Andere Kandidaten waren Serafino Vannutelli , di Pietro undGotti. Den fremden Kardinälen blieb nichts übrig, als auch ihrerseits denVersuch zu machen, Gruppen zu bilden und sie möglichst zu verstärken. Esschlössen sich demnach die österreichischen und deutschen Kardinäle zu-sammen (fünf und zwei) und versuchten, auf die andern auswärtigen Kar-dinäle Einfluß zu gewinnen. Es gelang dieses bei dem nordamerikanischenKardinal Gibbons, der zwar nicht förmlich der Gruppe beitrat, aber mit ihrstimmte; anfangs schien sich auch der Kardinal Goossens, Erzbischof vonMecheln , der österreichisch-deutschen Gruppe nähern zu wollen, scheintaber später den Franzosen nähergetreten zu sein. Mit den französischenKardinälen Fühlung zu nehmen, gelang nicht; ihr Führer war KardinalLangenieux ; ihr eigentlicher Leiter aber war der französische Kardinal derKurie Matthieu. Sie hatten von Delcasse die Weisung erhalten, geschlossenfür Rampolla und, wenn dessen Kandidatur aussichtslos sei, für SerafinoVannutelli zu stimmen. Die spanischen Kardinäle hatten von ihrer Regie-rung die Weisung erhalten, sich an die österreichischen Kardinäle anzu-schließen; der Wechsel des Ministeriums in Madrid brachte sie aber insSchwanken, und unter Führung des spanischen Kardinals Vives y Tutoschlössen sich alle fünf den Franzosen an. Von dem portugiesischen KardinalNetto wie von dem irischen Logue trat eine Stellungnahme nicht zutage.

Mit diesen Gruppierungen wurde das Konklave am Abend des 31. Julieröffnet. Die österreichisch-deutschen Kardinäle hatten anfangs be-schlossen, für den Kardinal Serafino Vannutelli zu stimmen, da von demösterreichisch-ungarischen Botschafter bzw. dem Träger der kaiserlichenExklusive, Kardinal Puscyna, mitgeteilt worden war, sowohl die Kandida-tur des Kardinals Rampolla als auch des Kardinals Gotti sei unangenehm,da sich beide den österreichischen Interessen feindlich bewiesen hättenund Kardinal Gotti noch jüngst in einer albanischen Angelegenheit sichentweder übelwollend oder unfähig gezeigt habe. Allein bei der letzten