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SARTO GEWÄHLT
Ich antwortete ihm: ,Sarto; Sie sofort vorgehen.' — Aufsehen erregte dieserVorgang nicht. Nach Eröffnung der Sitzung erbat sich nun der KardinalPuscyna vom Camerlengo sofort das Wort und teilte dem Kardinal-Kol-legium mit, was er dem Camerlengo zugestellt habe. Dieser konnte nunnicht mehr umhin, von der Exklusive des Kardinals Rampolla durch dieKrone Österreich dem Heiligen Kollegium Mitteilung zu machen, und ließdas Puscynasche Schreiben vorlesen. Ich erhielt den Eindruck, als ob dieseMitteilung unter den Kardinälen eine weit geringere Bewegung hervorrief,als ich befürchtet hatte. Denn es war Gefahr vorhanden, daß nun noch eingrößerer Teil der Kardinäle bei ihrer Abneigung gegen fremde Einmischun-gen in die Papstwahl für Rampolla und seine Wahl Partei nehmen würden.Allein es erhob sich niemand, um gegen die österreichische Exklusive Ein-spruch zu erheben als Rampolla selbst, der in leidenschaftbcher Erregunggegen dieses Vorgehen als einen neuen Ictus contra libertatem Ecclesiaeprotestierte. Eindruck machte er damit nicht; denn er behielt im drittenSkrutinium 29 Stimmen, während Sarto 20 erhielt und Gotti auf 9 herab-ging. Auch im vierten Skrutinium, am 2. August nachmittags, erhielt Ram-polla nur noch eine Stimme mehr, nämlich 30, während Sarto 24 undGotti 3 erhielten. Im fünften Skrutinium, am 3. August vormittags 10 Uhr,erhielt Rampolla nur noch 24 Stimmen, während Sarto bereits 27 undGotti wieder 6 erhielten. Im sechsten Skrutinium am Nachmittag stiegSarto auf 35 Stimmen, während Rampolla auf 16 fiel und Gotti 7 erhielt.
Inzwischen war Sarto aufgetreten und hatte inständigst und bewegt ge-beten, von ihm abzusehen; alle waren von seiner Angst und Demut gerührt,Notiz nahm niemand von seiner Weigerung. Ja, seine Freunde drangenheftigauf ihn ein, seine Weigerung zurückzunehmen. Im siebenten Skrutiniumfiel dann die Entscheidung (4. August vormittags 10 Uhr). Es erhieltenSarto 50 Stimmen, Rampolla 10, Gotti 2 Stimmen. Somit war Sarto ge-wählt. Auf die Frage des Camerlengo, ob er die Wahl annehme, antworteteer mit bebender Stimme, daß er sich in den Willen Gottes fügen müsse,wenn der Kelch an ihm nicht vorbeigehen könne. Er nahm dann den NamenPius X. an. Äußerlich macht der neue Papst keinen besonders hervor-ragenden Eindruck, er ist bescheiden und demütig, liebenswürdig undgütig; er gilt aber allgemein als ein eifriger Bischof, der seine DiözesenMantua und dann Venedig musterhaft verwaltet hat. Unter österreichischerHerrschaft 1834 in der Nähe von Treviso geboren, bewahrt er noch Anhäng-lichkeit an Österreich und einige Erinnerungen an die deutsche Sprache.Mit der italienischen Regierung hat er gute Beziehungen unterhalten. DieKönigin-Witwe Margarete verehrt ihn sehr. Seiner Majestät dem DeutschenKaiser ist er einmal in Venedig vorgestellt worden. Den ersten Papstsegenerteilte er aus den eben angegebenen Gründen von der inneren Loggia.