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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE VON BÜLOW

eine Finanzreform gefallen, bei der es sich schon um größere Summen han-delte. Und es sollte die Zeit kommen, wo vor unseren trauernden Augenmehr, viel mehr Milliarden unserem erschöpften und gemarterten Volk aus-gepreßt werden sollten, als uns früher Millionen erschwinglich erschienen.Kremmen, Fehrbellin tauchten in der Ferne auf: Kremmen , wo Märker undPommern miteinander rauften, die später Schulter an Schulter manche guteSchlacht schlagen sollten, Fehrbellin , der erste große Sieg der brandenburg-preußischen Heldengeschichte. Der Geist des größten preußischen Dichters,der Geist Heinrichs von Kleist schwebt über dieser heroischen Landschaft.Wils na ck ruft mir einen mittelalterlichen Exzeß meines Geschlechts insGedächtnis. Der Ritter Hennecke von Bülow, ein streitbarer Mann, der denBeinamenGrote Kop" führte und die Städte Plau , Dömnitz und Neustadtin seinen Besitz gebracht hatte, äscherte 1383 während einer Fehde, die ergegen den Bischof von Havelberg führte, in barbarischer Weise Wilsnackein. Er schonte auch die Kirche nicht, in der das Sakrament ausgesetzt war.Die Hostie verbrannte nicht, aber sie blutete, und dadurch wurde dasHeilig Blut von Wilsnack" ein berühmter Wallfahrtsort.Beim heiligenBlut von Wilsnack " war im Mittelalter eine behebte Beteuerungsformel.Das Geschlecht von Bülow aber mußte die Missetat seines entartetenSohnes mit dreijährigem Kirchenbann büßen. Da die Familie in den Jahr-hunderten vor der Reformation der Kirche fünf treffliche Bischöfe gestellthat, vier für Schwerin und einen für Lebus , so gebe ich mich der Hoffnunghin, daß der Frevel eines einzelnen ihr nicht dauernd angerechnet werdenwird. Der Übeltäter hat übrigens seinen Exzeß nicht lange überlebt. DieFamilien-Chronik meldet, daß derGrote Kop" bald nach der Zerstörungvon Wilsnack , kaum 30 Jahre alt, zur Hölle fuhr.

Wir kamen an dem Rittergut Düssin vorbei, das lange im Besitz meinerdirekten Vorfahren gewesen war. Von fast neunzig Rittergütern, sagte ichmir, die seit dem 14. Jahrhundert meiner Familie in unserer alten mecklen-burgischen Heimat gehört hatten, sind kaum noch zwanzig in unseremBesitz, und wie wird es in hundert Jahren aussehen ? Und insbesondere,wenn an der Zentralstelle eine unkluge Politik gemacht wird ? Wir hieltenin Ludwigslust , wo ich als Knabe geweilt hatte, um damals dort lebendenehrwürdigen Oheimen und Tanten meine Aufwartung zu machen, und dieBiedermeierzeit stieg vor mir auf mit Lavendelduft und goldenen Schnupf-tabakdosen. Mit welcher Ehrfurcht hatte ich damals in dieser typischenKunst- und Zufallsstadt fürstlichen Willens den Goldenen Saal im Schloß,den Schloßpark mit seinen Anlagen, die Kaskade mit ihren breiten Doppel-fällen betrachtet. Ich konnte mich auch noch wohl an die Hofkircheerinnern mit ihrer seltsamen Inschrift:Magnus Dux MegapolitanusMagnus Peccator Magno Redemptori". Wie aber der in Rede stehende