13 ET II MANN PIKIERT
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Der Kaiser, der auf Albert Ballin hörte und dem an und für sich jede neueIdee gefiel, namentlich wenn sie originell war, nahm den Vorschlag gnädigauf und ließ sofort Bethmann Hollweg kommen, der gleichfalls in Swine-münde eingetroffen war. Als nun Ballin vor dem neuen Kanzler seinen Vor-schlag entwickelte, machte dieser ein langes und pikiertes Gesicht. Ermeinte schmollend: „Gegen diesen Vorschlag muß ich alleruntertänigst Ver-wahrung einlegen. Ich habe mir die Herstellung eines vertrauensvollen,wirklich freundschaftlichen Verhältnisses zu England als das Hauptzielmeiner Kanzlertätigkeit und als meine persönliche Aufgabe ausgesucht. Ichhabe mich während Eurer Majestät Nordlandreise gründlich in diese Ma-terie eingearbeitet, die Akten fleißig studiert. Das ist mein eigenstes Bessort,in das ich keine Eingriffe erlauben kann." Bethmann, so schloß Ballin seineMitteilung an mich, als wir uns bald nachher wieder begegneten, sah dabeiso verstimmt aus, daß Wilhelm IL, der ungern unzufriedene Gesichter inseiner Umgebung sah, das Thema fallen ließ und, als Bethmann sich entfernthatte, zu Ballin sagte: „Sie haben sein pikiertes Gesicht gesehen! Ich kanndoch nicht die Ära Bethmann Hollweg mit einem Krach beginnen,nachdem die Ära Bülow soeben mit einem solchen geendet hat."
Am nächsten Morgen fuhren wir die Elbe hinunter auf der prächtigen„Viktoria Luise", einem der größten Hapagdampfer, auf dem uns der gute FlottbekBallin bis Cuxhaven geleitete. Wir fuhren an Altona vorüber, an derDonnersburg, wo im Herbst 1904 unser Kaiserpaar während der Manöverabgestiegen war und wo es die Nachricht von der Verlobung des Kron-prinzen erhielt, vorbei an Oevelgönne, wo die alten Kapitäne vor ihrenmalerischen Häuschen sitzen und mit langen Fernrohren in wehmütigerErinnerung an ihre eigenen Fahrten den vorüberziehenden Schiffen prüfendnachschauen. Wir passierten das Landhaus in Flottbek , wo ich geborenbin. Es liegt an der Flottbeker Chaussee, die Detlev von Liliencron , wie ichmeine mit Becht, die schönste deutsche Straße genannt hat. Der uns be-nachbarte und befreundete Dichter war in den Tagen meines Bücktritts zuunserem Leidwesen gestorben. Die Chaussee war voll Menschen, die unsmit „Hoch!" und „Hurra!" begrüßten. Der spitze Turm der Kirche vonNienstedten ward sichtbar, deren längst heimgegangener würdiger PastorClassen mich als Siebzigjähriger einst getauft hat. Er liegt neben der Ein-gangstür zum Friedhof begraben, auf dem auch ich meine letzte Buhefinden soll. Täufer und Täufling werden sich Auge in Auge gegenüberstehenam großen Tage der Auferstehung. Die malerisch am Ufer aufsteigendenHäuser von Blankenese, das man mit Sorrent verglichen hat und das inseiner Art für mich ebenso reizvoll ist, Schulau, Wedel, Glückstadt ziehenvorüber. Die Elbe wird immer breiter, immer mächtiger. Brunsbüttel, vonwo ich zehn Jahre früher mit unserem Kaiserpaar die Fahrt nach England