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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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II. KAPITEL

Die politische Lage nach Bülows Rücktritt Letzte Unterredungen mit BethmannHollweg Letzte Staatsministerialsitzung Einzelheiten zu Bethmanns Amtsantritt

Ich habe schon angedeutet, daß ich nicht ohne Sorgen für unsereZukunft aus dem Reichskanzlerpalais auszog. Warum erfüllten mich, alsich nach erfolgter Genehmigung meines Abschiedsgesuches das Fallreep derHohenzollern" herunterstieg, als ich einige Tage später von Berlin abfuhr,bange Ahnungen, die meinem Naturell fernlagen? Ich neigte nie zuHypochondrie.Nil desperandum" war ein alter Wappenspruch meinerFamilie, eingraviert auf dem Petschaft meines Großonkels und PatenKarl von Bülow , eines bodenständigen, strammen Altmecklenburgers. AlsGroßherzogüch Mecklenburg-Schwerinscher Kammerherr und Vize-Kanzleidirektor war er im Obotritenlande einer der überzeugtesten Ver-teidiger der altständischen Verfassung gewesen. Bei aller politischen Rück-ständigkeit war er ein Mann von unverwüstlicher Frische.Nu erst recht,und so dull als möglich!" pflegte er nach Rückschlägen zu sagen. Warumwar ich bewegt, fast erschüttert, als mir von unbekannter Seite, am Abendbevor ich Berlin verließ, ein von dem bereits verstorbenen Dichter ErnstvonWildenbruch verfaßtes, baldnach dem Rücktritt des Fürsten Bismarckentstandenes schwermütiges Gedicht zugesandt wurde, in dem es hieß:

Wenn ich an Deutschland denke, tut mir die Seele weh,

Weil ich ringsum um Deutschland die vielen Feinde seh.

Mir ist zur Nacht die Ruhe des Schlafes dann zerstört,

Weil stets mein Ohr das Flüstern und böses Raunen hört,

Mit dem sie sich bereden zu Anschlag und zu Rat,

Um Deutschland zu verderben durch eine schwere Tat.

Dann kehren die Gedanken bei ferner Zukunft ein

Und fragen: Wird denn jemals das Deutschland nicht mehr sein?

Und wenn ich also denke, wird mir so weh, so schwer,

Wie war die Welt, die reiche, alsdann so arm und leer!

Meine Sorgen galten nicht dem deutschen Volk, das, wenn ihm ein hohesund edles Ziel gezeigt und wenn es richtig geführt wird, in seiner Tiefe