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BETHMANN WILL SICH EINARBEITEN
ich mich so glücklich bewegt hätte, ein Erfolg blühen, entgegnete ich ihm:„Non cuivis homini contingit adire Corinthum." Dies Zitat war sehrunglücklich. Der würdige Direktor Schmidt des Gymnasiums Carolinumin Neu-Strelitz hatte recht gehabt, fünfundvierzig Jahre früher dendamaligen Sekundaner Bernhard von Bülow vor zu vielem Zitieren zuwarnen und ihn namentlich zu sehr sorgfältiger Auswahl und Prüfungseiner Zitate zu mahnen. Diesen Vers aus den Episteln des Horaz hätte ichlieber für mich behalten sollen. Als Alumnus, ja als Primus omnium dergelehrten Schulpforta, verstand Bethmann nur zu wohl den Sinn desZitats. Sichtlich gereizt, erging er sich in einer längeren Auseinandersetzungdarüber, daß er wohl wisse, es fehle ihm die eigentlich diplomatische Vor-schule. Er hoffe aber und er vertraue, daß er mit Fleiß und Geduld dasVersäumte bald nachholen würde. „Ich werde mich schon in die auswärtigePolitik einarbeiten!" wiederholte er zweimal nicht ohne Pathos.
Ich hielt es für richtig, die Unterredung mit meinem Nachfolger nicht ineinen persönlichen Disput ausarten zu lassen, sondern sie auf dem Bodeneines akademischen Dialogs zu halten. Ich griff das Wort „einarbeiten"auf. Ich legte dar, daß man sich in die auswärtige Politik nicht von heuteauf morgen einarbeiten könne. Der Verwaltungsbeamte, der von Trarbach nach Aurich versetzt werde, könne sich der Hoffnung hingeben, daß er sichin die Eigenheiten des ostfriesischen Torfbaus ebenso tüchtig einarbeiten
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werde, wie ihm das mit den Bedürfnissen eines Weinbau treibendenMoselbezirks gelungen wäre. Die auswärtige Politik sei aber nun einmalkeine Wissenschaft und noch weniger ein Zweig der Ethik. Sie sei eineKunst, und da komme es nicht auf die Moral, nicht auf den guten Willenan, sondern lediglich auf das Können, das seinerseits durch Flair, Takt undIntuition bedingt sei. Ich fügte hinzu, daß ich stets bereit sein würde,meinem langjährigen Mitarbeiter mit gutem Rat gern, gewissenhaft undloyal zur Seite zu stehen. Er könne sich, wie, wo und wann es ihm nützlicherscheine, vertrauensvoll an mich wenden. An meinem Patriotismus werdeer nicht zweifeln, und schon weil ich aus ganzer Seele dem Lande Glückund Ruhm, Wohlfahrt und Sicherheit wünsche, sei ich auch für ihn,meinen Nachfolger, und seine Amtstätigkeit von herzlichen und auf-richtigen Gesinnungen erfüllt. Bethmann Hollweg verneigte sich würdig,aber steif. Ich sah in einen Abgrund von Empfmdhchkeit und Selbst-überschätzung.
Tatsächlich hat mich Bethmann nach meinem Rücktritt niemals und inkeiner Situation je um Rat gefragt. Tatsächlich hat er, insbesondere bevorer im Sommer 1914 die mit dem Ultimatum an Serbien begonnene fürchter-bche Aktion einleitete und während der hierdurch hervorgerufenenlebensgefährlichen Krisis, mich nie weder direkt noch indirekt um meine