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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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EIN SCHWACHER CHARAKTER

Am nächsten Tage schrieb mir mein Nachfolger:Sehr verehrter Fürst!Eure Durchlaucht wollten eine Aufzeichnung der Worte nahen, mit denenich im Staatsministerium versucht habe, unserm Schmerz über IhrScheiden und unserem Dank für Ihr Schaffen Ausdruck zu geben. BeimRekonstruieren dessen, was ich gesagt habe, erkenne ich von neuem dieUnvollkommenheit meines Versuchs. Ich muß Eure Durchlaucht bitten,erneut Nachsicht mit mir zu haben. Was ich sagte, kam aus dem Herzenund zum größten Teil, wie es die Anregung des Augenblicks eingab. Ichhabe auch jetzt am Ausdruck nicht mehr zu feilen versucht. Der ersteTrubel der Briefe und Depeschen ist glücklich vorüber, und ich kann an dieArbeit gehen. Darin liegt für mich die einzige Möglichkeit, das innereGleichgewicht wiederzuerlangen. Ich werde glücklich sein, wenn Sie mirnach einiger Zeit gestatten wollen, durch brieflichen Meinungsaustauschgewonnene Eindrücke und Urteile zu rektifizieren. Heute kann ich nurimmer wiederholt meinem Dank dafür Ausdruck geben, was Eure Durch-laucht mir alles in den letzten Jahren gewesen sind. Der Fürstin küsse ichehrerbietigst die Hand und bin in steter und aufrichtigster VerehrungEurer Durchlaucht treu ergebenster Bethmann Hollweg." War die Ge-sinnung treuester Anhänglichkeit, wärmster Verehrung, die aus diesenZeilen sprach, aufrichtig ? Ich glaube nicht, daß hinter diesen BeteuerungenHeuchelei oder gar Hinterlist lauerten. Aber die Zukunft sollte zeigen, daßBethmann Hollweg ein schwacher Charakter war, und schwache Charakteresind weder ganz aufrichtig noch wirklich dankbar.

Bei der Ernennung von Bethmann zum Reichskanzler fehlte es nicht anFrau von warnenden Vorzeichen. Als feststand, daß Bethmann mein Nachfolger werdenBethmann würde, bat ich meine Frau, sich zu Frau von Bethmann zu begeben, um ihrHollweg zu sa g e]Qi ,j a ß s j e s j cn ihrer Nachfolgerin für die Einrichtung des Reichskanzler-palais mit ihren eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet gern zur Verfügungstelle. Frau von Bethmann war eine treffliche Frau. Sie hatte sich nicht ganzleicht entschließen können, dem aus einem anderen Milieu hervorgegangenenTheobald die Hand zu reichen, denn sie entstammte der alten märkischenJunkerfamilie Pfuel , von der in seinen prächtigen Wanderungen durch dieMark Theodor Fontane manches Hübsche erzählt. Einmal mit BethmannHollweg verheiratet, wurde sie ihm eine gute und liebevolle Frau. Die Ehewar sehr glücklich. Als meine Frau bei der Gattin des künftigen Kanzlerseintrat, sagte ihr diese unter Tränen:Das ist ein Unglück für meinenarmen Mann! Ich liebe meinen Mann, und gerade deshalb hätte ich ge-wünscht, daß dieser Kelch an ihm vorüberginge. Er ist bei aller seinerPflichttreue, seiner Gewissenhaftigkeit und mit so vielen schönen Gabendieser Stellung nicht gewachsen. Er ist so unentschlossen, so schwankend,so ängstlich, und dann wieder verrennt er sich. Wir machen in unserem