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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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PARAGRAPH HUNDERTFÜNFUNDSIEBZIG

145 zu 2 war dock wohl die offiziöse Presse durchaus in der Lage, sofort denKampf aufzunehmen. Aber ich habe oft an Deine Mahnung denken müssen,daß ick einer der gekaßtesten Menscken in Deutsckland sei. Nun, meineFreunde wissen, ob ick das verdient kabe! Ick sprecke nickt von denungekeuerkcken Dummkeiten, die von Anbeginn an die Generals-Kamarillaanricbtete und die auck Dir sckkeßkck die Hände gebunden kaben.Glaubst Du wohl, daß unter Albedyll und dem alten Herrn solche Dingemögkck gewesen wären? Sckeußkcke Misckung von Haß, Feigkeit, Neidund Kurzsicktigkeit. Dock genug davon! Ich will Dir nur sagen, daß ichDich in Gedanken nach der Villa Malta begleite, das Glücksgefühl Deinerheben, gütigen Frau im Geiste vor mir sehe. Möchte Euch nichts den Genußtrüben und die gütige Donna Laura Euch frisch und gesund in ihrem seligenEmpfinden umarmen! Wie wird Deine hebe Frau im Herrichten der VillaMalta schwelgen, und wie schön wird es werden. Vermagst Du es über Dich,so schreibe mir einmal von Rom aus Euerm Leben. Ich bin ein toterMann. Doch besucht man ja um des Toten willen bisweilen einen Kirchhof.Es kostete mick dieser lange Brief viel Nerven und körperkcke Qual. Aberes tat mir wohl, nach langer Zeit mit Dir in alter Art zu sprechen. Nun istes genug."

Als ich diesen Brief las, der zwischen Sophismen und einigen Unwahr-keiten auck eckte und scköne Gefühle und kluge Gedanken zum Ausdruckbrachte und der in mir von neuem inniges Mitleid für den alten Freunderweckte, dem die Götter neben gefäkrkcken Neigungen auck reicke Gaben,einen ungewöhnlichen Charme, edle Eigenschaften in die Wiege gelegthatten, drängte sich mir wieder die Frage auf, die zwei Jahre vorher,während der seinerzeit von mir erwähnten unerquicklichen Prozesse, anmein Gewissen gepocht hatte: Hat der Staat die Pflicht, hat er auch nurdas Recht, anormalen Trieben das Brandmal der Infamie aufzudrücken?Als in mir in jener Zeit eine von vielen Intellektuellen untersckriebeneAdresse zuging, die für die Aufbebung des § 175 plädierte, frug ick Renvers,wie sick nack seiner Meinung der Staat zu diesem Problem zu stellen kabe.Er antwortete mir:Als Arzt muß ick Iknen sagen, daß, rein wissensckaft-kck betracktet, der anormale Trieb ebenso berecktigt ist wie der normale.Ick braucke Sie auck nickt daran zu erinnern, daß die Antike die Sckwär-merei des Kaisers Hadrian für den sckönen und melanckokscken Antinousebenso in der Ordnung fand wie die Leidensckaft des Marcus Antonius fürdie bezaubernde Kleopatra . Aber als Staatsbürger protestiere ick gegen dieGleickstellung. Wenn das Gesetz die Perversität nickt mekr brandmarkt,wird die sittkcke Gesundkeit des Volkes wie die pkysiscke gefäkrdet." DieseAntwort bestärkte mick in dem Entsckluß, die auf Aufhebung des § 175gerichteten Wünsche und Bestrebungen abzulehnen. Wozu freilich mein