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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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RATHENAU UND DERNBURG

ist." Er machte eine kleine Pause, dann, mit schönem Ausdruck:Durch-laucht, ich bin Jude!" Ich entgegnete, daß ich keinen Anlaß gegeben hätte,bei mir Vorurteile und insbesondere antisemitische Tendenzen vorauszu-setzen.Von dem Fürsten Bülow", meinte Walter Rathenau , indem er sichnochmals und feierlich verbeugte,habe ich diese edle Antwort erwartet."Er blieb lange. Wir führten ein angeregtes Gespräch de omni re scibili, demmanche ähnliche Unterhaltung in Berlin, Norderney und Rom folgen sollte.

Walter Rathenau wurde ein gerngesehener Gast in meinem Hause. Erwar glänzend begabt. Er besaß eine ungewöhnliche Aufnahme- und Adap-tionsfähigkeit, er war vor allem ungemein vielseitig. In Italien ist noch dasAndenken des Giovanni Pico della Mirandola lebendig, der in der Blütezeitder Renaissance lebte. Pico sprach Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Chal-däisch und Arabisch gleich geläufig. Er wollte die Philosophie mit derReligion, die aristotelische mit der platonischen Doktrin versöhnen undbegründete seine Ansichten in einer Streitschrift mit neunundneunzigThesen, den berühmten und gefürchteten Conclusiones philosophicae,cabbalisticae et theologicae. An solche Vielseitigkeit reichte WalterRathenau nicht heran, aber er sprach gleich beredt und gleich gern überden ihm geistesverwandten, jüdisch-hellenistischen Philosophen Philo ausAlexandria wie über die letzte Börsenoperation des Hauses Bleichröder ,über eine technische Erfindung wie über ein Bild seines Vetters Max Lieber-mann . Ich kann nicht bestreiten, daß gegenüber dem Multa das Multumbei Walter Rathenau bisweilen zu kurz kam. Sein Vater, der Schöpfer undLeiter der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, Emil Rathenau , hat miralles in allem einen bedeutenderen Eindruck gemacht als der Sohn, vondem er gesagt haben soll, dieser sei ein Baum, der mehr Blüten als Früchtetrage. Wenigstens für die Politik fehlte Walter Rathenau der Wirklich-keitssinn, die Nüchternheit, die ruhige Stetigkeit, vor allem die Sachlich-keit. Ich glaube nicht, daß er ein Staatsmann geworden wäre. Er kannteaus eigener Anschauung England, Italien und Frankreich . Trotzdemtäuschte er sich nicht selten in der Beurteilung der Politik anderer Länderund schwankte zwischen allzu hitzigem Optimismus und übertriebenerSchwarzseherei. Das galt auch für seine persönlichen Freundschaften, ins-besondere mit anderen Israeliten. Ich habe ihn als intimen Freund und alsebenso intimen Feind von Maximilian Harden gekannt.

Als ich seine Bekanntschaft machte, war er ein Verehrer von BernhardDernburg , der ihn bei mir eingeführt hatte. Bei seiner Rückkehr von einermit Dernburg gemeinsam unternommenen Reise nach unseren afrikani-schen Kolonien konnte Walter Rathenau sich nicht genug tun in Spottund Hohn über den Kolonialminister, der in Wildnis und Wüste einenBratenrock getragen habe und über dem Bratenrock das weiß und rot