RATHENAUS WESEN
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geränderte Band des Zanzibarischen Ordens vom „Strahlenden Stern".Umgekehrt versicherte Dernburg jedem, der es hören wollte, daß sich WalterRathenau durch unausgesetzte Selbstbespiegelung und fortwährendesSelbstlob allen Mitreisenden unausstehlich gemacht habe. Treitschke meintim vierten Band seiner Deutschen Geschichte, daß, als sich Heine undBörne veruneinigt hätten, alle üblen Gerüche des Getto in dicken Schwadenüber Deutschland hingezogen wären. Als Walter Rathenau und BernhardDernburg aneinandergerieten, roch es auch nicht nach Rosen. Der Haupt-vorwurf, der Walter Rathenau von seinen Bekannten gemacht wurde, warder einer ungemessenen Eitelkeit. Ich möchte diesem Vorwurf nicht ohneweiteres beitreten. Jedenfalls hat mich die viel getadelte Eitelkeit vonWalter Rathenau nie verletzt, weil sie durchaus naiv war. Albert Ballin ,der Walter Rathenau von Jugend auf kannte und seine brillanten Eigen-schaften schätzte, erzählte gern, daß dieser ihm einmal gesagt habe: „Seitder Erschaffung der Welt hat es drei ganz große Männer gegeben, merk-würdigerweise alle drei Juden: Moses, Jesus, — den dritten zu nennen,verbietet mir meine Bescheidenheit." Se non e vero, e ben trovato. Es läßtsich nicht bestreiten, daß Walter Rathenau sehr persönlich, sehr ambitiöswar, zu persönlich und zu ambitiös, um einen wirklich brauchbaren diplo-matischen Vertreter oder gar Leiter abzugeben. Nach seiner entsetzlichenErmordung meinte sein ihm herzlich zugetaner Staatssekretär Haniel zumir, für Rathenaus politischen Ruhm sei sein früher Tod ein Glückgewesen, er würde als Minister des Äußern bald abgewirtschaftet haben.Er sei bei reicher Begabung zu persönlich, zu unruhig, zu unstet gewesen,habe jeden Tag einen neuen Einfall gehabt, aber keine Idee länger verfolgtund keinen Plan reifen lassen. Vor allem habe er alle Vorgänge und alleMenschen zu sehr vom rein subjektiven Standpunkt beurteilt.
Wenn ich Walter Rathenau gegen den oft erhobenen Vorwurf allzugroßer Eitelkeit in Schutz nehmen möchte — ich fand den Vater der Wei-marer Verfassung, den Herrn Professor Dr. Hugo Preuß, als ich später seineBekanntschaft machte, bei geringerer Begabung noch viel eitler —, so gebeich doch zu, daß Rathenau zur Pose neigte, daß er nicht selten affektiert,daß er bisweilen recht manieriert sein konnte. Ich weiß nicht, ob er wirklich,wie Albert Ballin und Bernhard Dernburg gern erzählten, während seinVater in den letzten Zügen lag, die Gedenkrede memoriert hat, die er beider Trauerfeier zu halten beabsichtigte, und daß er vor dem Spiegel sorg-sam die Gesten und Blicke einstudierte, mit denen er seinen Trauersermonvortragen wollte. Der Sermon, den er mir später in Maroquin eingebundenverehrte, war übrigens sehr schön. Unbestreitbar ist, daß Walter Rathenau die Natürlichkeit abging, die nicht nur unseren Allergrößten, Kaiser Wil-helm I. und Kaiser Friedrich, Bismarck, Moltke und Roon, Helmholtz und