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was geschehen würde, wenn ich gezwungen wäre, während längerer Zeit nurdas in Rede stehende Berliner Blatt zu lesen?" Ich zuckte die Achseln.Darauf Walter Rathenau mit feinem Lächeln: „Ich würde Antisemitwerden." Ein guter Witz, den Heinrich Heine hätte machen können.
Zum letzten Male in meinem Leben sah ich Walter Rathenau , als ich mitmeiner Frau einem von ihm in dem mir so wohlbekannten Garten der Villa Rathenau des Staatssekretärs veranstalteten Empfang beiwohnte. Er war sehr be- m Norderney glückt und gerührt durch unser Kommen und dankte uns wiederholt aufswärmste. Hier drückte ich ihm zum letzten Male die Hand. Die Nachrichtvon seinem bald nachher erfolgten Tode hat mich schmerzlich bewegt. EinJahrzehnt vor diesem tragischen Abschluß eines noch viel versprechendenLebens ging ich mit Walter Rathenau ahnungslos dessen, was die Zukunftuns Trübes und Widriges bringen sollte, am Strande der Nordsee spazieren.Er sprach mir von seinen Arbeiten, ich erzählte ihm aus meinen politischenund persönlichen Erinnerungen. Er war der erste, der mir lebhaft zuredete,meine Memoiren zu schreiben. Leider habe ich mich erst lange Jahre späteran die Arbeit gemacht. Ende August 1909 erhielt ich von ihm das nach-stehende Schreiben: „Eure Durchlaucht bitte ich meinen herzlichen undehrfurchtsvollen Dank aussprechen zu dürfen für die hohe Gunst IhresSchreibens. Die höchste Auszeichnung ist mir zuteil geworden in dem Ver-trauen und in der Anerkennung Eurer Durchlaucht. Ein offizieller Akt kanndiese Auszeichnung sichtbar machen, aber nicht erhöhen. Es ist mir imLeben das große Glück zuteil geworden, daß ich einzelnen Menschen förder-lich und hilfreich sein konnte. Das Glück, zu empfangen, und um so freu-diger und dankbarer, je unverdienter, haben Eure Durchlaucht michgelehrt. Der Tag, der mich in den Umkreis Eurer Durchlaucht führte,bedeutet eine Epoche für mein Leben. Und wenn ich daran denke, welcheHelligkeit und Wärme in diesen zwei Jahren aus Ihrem und der FrauFürstin Herzen in meine Einsamkeit gestrahlt ist, wenn ich mich der Abendein der Wilhelmstraße, Ihrer Gespräche und zuletzt der schönen Tage inNorderney erinnere, so ergreift mich ein nie gekanntes Gefühl, und es trittder eigensinnige, fast quälende Wunsch auf, es möchte sich eine Gelegen-heit finden, wo ich Eurer Durchlaucht meine Ergebenheit anders als durchWorte bezeigen kann. Darf ich, in weitem Abstand von diesen Empfin-dungen, einer kuriosen Bemerkung über die Ausführungen von Exzellenzvon Valentini Raum geben, ohne dem Vorwurf der in den Gesprächen EurerDurchlaucht oft kritisierten PersonalpoUtik zu verfallen? Es scheint mirkein Zufall, daß Exzellenz von Valentini meine zweite afrikanische Expedi-tion ignoriert. Eine Quelle, deren Ursprung ich nicht sicher bestimmenkann, die aber nahe dem Kolonialamt vorbeifließt, läßt folgendes durch-sickern: Eure Durchlaucht hätten sich beim Kaiser für einige Herren,