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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BETHMANN SEHR ERSCHÜTTERT

schließlich nicht länger schweigen kann, wenn es vielleicht zu Prozessenkommt und wenn meinen Erklärungen, die ich auf meinen Eid nehme,angebliche Äußerungen Seiner Majestät entgegengehalten würden. Wennder Reichsanzeiger ein deutliches und entschiedenes Dementi bringt, SeineMajestät mich bei meinem in der zweiten Hälfte Oktober bevorstehendenkurzen Aufenthalt in Berlin sieht und ich dann nach Rom übersiedle, wirddas ganze elende Getratsche aufhören. Das Dementi muß aber, wenn eswirken soll, klipp und klar feststellen, daß die von einer Reihe von Blätternübernommenen und ausgeschmückten Angaben der ,Märkischen Volks-zeitung', sowohl was das Interview im ,Daily Telegraph ' angeht als hin-sichtlich des Verhältnisses Seiner Majestät zu mir, in allen Punkten unwahrsind. Ich zweifle nicht daran, daß Sie, verehrter Freund, der Sie alleMühen und Kämpfe dieses Winters mit mir durchgemacht haben, imInteresse der Dynastie wie des Vaterlandes weiterem Schaden vorbeugenwerden."

Als mein Nachfolger diesen Brief erhielt, befand er sich in Linderhof ,einem Rokokoschlößchen im bayrischen Hochgebirge, wohin er von demPrinzregenten eingeladen worden war, um einen Hirsch zu schießen. Mitihm weilten dort der Geheime Rat von Flotow, dem es sehr bald gelungenwar, sich bei dem neuen Kanzler zu insinuieren, und mein früherer Adjutant,der Hauptmann von Schwartzkoppen, der in gleicher Eigenschaft zuHerrn von Bethmann übergetreten war. Schwartzkoppen, einer der zu-verlässigsten Menschen, die mir vorgekommen sind, ein durch und durchehrenhafter Charakter, hat mir später erzählt, daß Herr von Bethmanndurch meinen Brief anfänglich sehr erschüttert gewesen sei. Herr vonBethmann habe zunächst geäußert: Jedes Wort, das ich ihm geschrieben,sei wahr. Er habe in jenen schweren Novembertagen neben mir gestanden.Er habe mein Verhalten durchaus gebilligt. Es sei seine Pflicht, nicht nurseine Amtspflicht, sondern auch eine Ehrenpflicht für ihn, das dem Kaiserzu sagen und Seine Majestät um die Ermächtigung zu einer dement-sprechenden Erklärung im Reichsanzeiger zu ersuchen. Der brave Schwartz-koppen freute sich über diese anständige Haltung seines Vorgesetzten undsprach das auch aus, bescheiden, aber ohne Umschweife. Nicht so Flotow .Dieser richtete mit erschrockenem Gesicht an den Reichskanzler die Frage,ob er die Absicht habe, nach kaum dreimonatiger Tätigkeit in den Ruhe-stand zu treten. Ein direktes und offenes Eintreten für mich würde voraus-sichtlich einen sofortigen Bruch mit dem Kaiser nach sich ziehen, jedenfallsdas Verhältnis zu Seiner Majestät von vornherein vergiften. Der Kanzlersei es dem Lande schuldig, sich dem Lande zu erhalten, das seine Berufungmit Freude begrüßt habe und mit Vertrauen auf ihn blicke. Nach einigemZögern beschritt Bethmann diese Brücke. Er sehe ein, meinte er, daß sein