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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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72 DER ORT, GESCHICHTE ZU LESEN

auf der Höhe des Pincio , der byzantinische Feldmarschall Beiisar, nichtmit Unrecht an den tapferen Goten Totila schrieb:Von allen Städten, soviele die Sonne bescheint, ist Rom die größte und merkwürdigste." Ichwar endlich ein freier Mann und stimmte Sokrates bei, der die Muße alsdas schönste Gut bezeichnet: fj oyo)J) xdZkiOzov y.T/jfidzmv. Das leuchtet demDeutschen freilich erst allmählich ein, denn im Norden hält man, nachGoethe, jeden für einen Müßiggänger, der sich nicht den ganzen Tag ängst-lich abmüht. Gern ritt ich auch nach der Isola Farnese , zu jenen Feldern,wo einst Veji stand.

Altes Veji, auch du warst einstmals Fürstenbehausung,

Wo auf offenem Markt ragte der goldene Stuhl.

Jetzt tönt zwischen den Mauern die Flöte des schweifenden Hirten,

Und dein Gräbergebiet wurde Ackergefild.

sang schon vor Christi Geburt der Elegiker Sextus Propertius angesichtsdieser schwermütigen Landschaft.

Ich fand endlich wieder Zeit zum Lesen. Während der vielen JahreLektüre ununterbrochener und angestrengter Tätigkeit war mir bisweilen das me-lancholische Wort eines geistvollen Mannes, ein Wort von Ernst Dohm ,dem Vater desKladderadatsch", durch den Sinn gegangen. Er lag aufdem Sterbebett. Einem ihn besuchenden Freunde, der ihn frug, wie esihm ginge, erwiderte er unter Anspielung auf den Namen der Matthäi-kirchstraße, in der er wohnte:Matthäi am letzten." Dann:Mir ist nurleid um alle die schönen Bücher, die ich noch nicht gelesen habe." In Rom las ich endlich wieder im Zusammenhang und ungestört die RömischeGeschichte von Theodor Mommsen und die acht Bände der Geschichte derStadt Rom im Mittelalter von Ferdinand Gregorovius , ich las zum zweiten-mal in meinem Leben, mit einem durch meine ministeriellen Erfahrungengeschärften Verständnis für geschichtliche Zusammenhänge wie für die Artoder vielmehr Unart des Homo sapiens die zwölfbändigen UntersuchungenHippolyteTaines über dieOrigines de la France contemporaine". Ich begriff,wie recht mein verehrter Lehrer, Professor Adalbert Daniel , gehabt hatte,als er dem Schüler des Pädagogiums zu Halle dreiundvierzig Jahre früherdie Goethesche Weisheit eingeprägt hatte: In Rom lese sich Geschichteganz anders als an irgendeinem anderen Orte der Welt; anderwärts leseman von außen hinein, hier glaube man von innen heraus zu lesen; es lageresich alles um uns her und gehe wieder von uns aus. Ich las wieder Byronund Goethe, Viigil und Horaz, Titus Livius und Sallust . Der letztere, dessenGärten einst an die Stätte gegrenzt hatten, wo jetzt die Villa Malta steht,war ja gewissermaßen der Schutzpatron meines Wohnhauses. Ich hatteübrigens gerade Sallust von Jugend auf besonders geschätzt und schon als