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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BEUNRUHIGUNG

sie und ihren Mann gebeten, sich keiner Bitternis hinzugeben. Dieser Ratwar übrigens kaum nötig, denn beide sind innerlich vornehme und ruhigeLeute, denen alles Demonstrative fernhegt. Ich selbst weiß, wie ich kaumhinzuzufügen brauche, daß Personalfragen lediglich nach sachlichen Ge-sichtspunkten entschieden werden können." Es war menschlich begreiflich,daß ich die Verabschiedung von Wallwitz als eine persönliche Unfreund-lichkeit und mehr als dies, als eine Geschmacklosigkeit empfand, denn ichwußte natürlich, daß Wallwitz geopfert worden war, um dem intrigantenFlotow, der mich während der letzten Zeit meiner Amtsführung beständigmit seinen persönlichen Ambitionen belästigt hatte, einen ihm zusagendenPosten zu verschaffen. Solche persönliche Rücksichtslosigkeit konnte michweiter nicht berühren. Was mich aber beunruhigte, war die in dem Beth-mannschen Briefe, der, wie schon die Handschrift zeigte, von dem Geheim-rat von Flotow verfaßt worden war, gebrauchte Wendung von einem beab-sichtigtenschärferen Vorgehen" gegen Belgien aus verschiedenen, derweiteren internationalen Politik angehörenden Gründen". Es war damalsmehr eine unbestimmte Sorge, die durch diese Wendung in mir hervor-gerufen wurde. Erst später gelangte ich zu der Gewißheit, daß der einhalbes Jahr nach meinem Rücktritt vorgenommene Wechsel in unsererVertretung in Brüssel und der damit verbundene Wechsel in unserer Politikgegenüber Belgien eine der Ursachen der Katastrophe von 1914 werdensollte.

Nachdenklich hatte mich bald nach diesem Wechsel eine gelegentlicheDer neue Äußerung des mir seit langem befreundeten italienischen Ministers desGesandte Äußern, des Marquis San Giuliano, gestimmt, die dahin ging, daß der neue"* B sse l : deutsche Gesandte in Brüssel , Herr von Flotow, eine seltsame Politik zutreiben scheine,une politique quelque peu mysterieuse". Er suche An-näherung an den französischen und den englischen Gesandten und scheinezu hoffen, daß es möglich sein würde, aus Belgien und seinen Kolonienein neues Polen" zu machen, d. h. ein Teilungsobjekt für Deutschland ,Frankreich und England . Völlige, traurige Gewißheit erhielt ich, als ichnach dem Beginn des Weltkrieges im belgischenLivre gris" den Berichtlas, in dem der belgische Gesandte in Berlin, Baron Beyens , am 2. April1914, vier Monate vor dem Ausbruch des Weltkrieges, nach Brüssel meldete,daß der deutsche Staatssekretär des Kolonialamtes, Herr Solf, sowohl demfranzösischen Geschäftsträger wie dem französischen Marine-Attache auseigenem Antriebe ein deutsch -französisches Abkommen über die von beidenLändern in Afrika projektierten Eisenbahnlinien vorgeschlagen habe. Alsder französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon , nach seiner Rück-kehr vom Urlaub den deutschen Staatssekretär des Äußern, Herrnvon Jagow, gefragt habe, was diese in keiner Weise provozierte Eröffnung

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