„110 SOZI!
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durch unvorsichtige Gesten in dieser Richtung das russische Mißtrauenerwecken. Wir durften vor allem Österreich kein Vorgehen auf derBalkanhalbinsel erlauben, das Rußland nach seiner hundertjährigenTradition nicht ruhig hinnehmen würde. Wir mußten uns immer vor Augenhalten, daß, wenn wir mit Rußland und Frankreich in Krieg gerieten,England schwerlich eine so günstige Gelegenheit vorübergehen lassenwürde, die stärkste Kontinentalmacht und gleichzeitig seinen gefähr-lichsten Konkurrenten auf wirtschaftlichem Gebiet unschädlich zu machen.Unter solchen Voraussetzungen sah ich getrost in die Zukunft. Ich wieder-hole: wahrlich nicht, als ob ich für die uns umgebenden Gefahren, gegen-über den uns umlauernden Feinden blind gewesen wäre. Aber ich wardavon durchdrungen, daß wir mit ruhiger Festigkeit und mit der nötigenGeschicklichkeit diesen Gefahren ausweichen, die Pläne unserer Feindevereiteln konnten.
Meine eigentliche Sorge galt der Unzulänglichkeit von Bethmann, derUnbesonnenheit und Selbstüberschätzung des Kaisers. Im Innern war, Reichstagsobald sich die Konservativen gegen mich gewandt, den Block gesprengt wählenund die Erbschaftssteuer zu Fall gebracht hatten, die von mir voraus- von 1912gesehene Folge dieser verhängnisvollen Irrung, ich möchte sagen, auto-matisch zutage getreten. Alle Ersatzwahlen seit meinem Rücktritt zeigtenein rapides und stetes Wiederanwachsen der sozialdemokratischenStimmen.
In allen Teilen des Reichs, von Ostpreußen bis in die Pfalz, setztedie seit drei, richtiger gesagt seit sechs Jahren rückläufig gewordenesozialdemokratische Flut wieder ein. Trotzdem wirkte der Ausfall derReichstagswahlen von 1912, denen Heydebrand und sein Famulus Westarpmit kaum faßlichen Illusionen entgegengezogen waren, denen BethmannHollweg mit verschränkten Armen, in apathischer Hilflosigkeit zugesehenhatte, im Inlande niederdrückend auf klarerbückende Patrioten, imAuslande ermutigend auf alle unsere Gegner. Ein demokratisches Witzblatt,der Berüner „Ulk", brachte nach den Reichstagswahlen vom 12. Januar1912 an der Spitze seiner Nummer ein gut gezeichnetes Bild, das BethmannHollweg darstellte, wie er in steifer Haltung dem Kaiser Vortrag hält, inder Hand ein Aktenstück mit der Aufschrift „110 Sozi!" Der Kaiser, derim Pelz auf einer Bank sitzt, zeichnet mit dem Spazierstock in den Winter-schnee das Wort „Bülow". Er sieht sehr gedrückt aus. Hat Wilhelm II. die Tragweite jener Wahlen sogleich begriffen? Ich möchte dies bei seinerOberflächlichkeit gerade in großen politischen Fragen bezweifeln. Tat-sächlich war eine so gewaltige Zunahme der Sozialdemokraten nicht nur anStimmen, sondern auch an Mandaten ein sehr ernstes Menetekel an derWand der deutschen Zukunft. Nicht weniger als Sechsundsechzig von den