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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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OUT OF OFFICE

beglückende holde Musik dieses großen Lebens. Eines der schönsten Paareunserer Geschichte. Eine herrliche Mischung von Deutsch und Welsch,vielleicht die allerschönste. So bleiben Sie noch ungezählte Jahre am Him-mel stehen, goldne Doppelsterne! Ich schreibe so im Flug, damit's recht-zeitig zu Ihnen kommt. Ich hebe Sie beide von ganzem Herzen. Treue ohneEnde! Dankbarkeit, Verehrung! Glück, daß Sie leben! Ihr Adolf Wil-brandt." Gustav Schmoller hatte mir geschrieben:FünfundzwanzigJahre glücklicher Ehe sind in der Bilanz des Lebens einer der schönstenPosten. Doppelt dem zu gönnen, der diese fünfundzwanzig Jahre ganz inaufreibender Arbeit, im Dienste des Vaterlandes an verantwortlichster Stellezugebracht hat. Wem es vergönnt war, Jahre lang die Frau Fürstin und Sie,hochverehrter Fürst, in ziemlicher Nähe zu beobachten, der könnte anIhrem beiderseitigen Glücke so wenig zweifeln wie an der Tatsache, wieselten Sie beide sich ergänzen, wie Sie zueinander passen. Der müßte nurzweifeln, wen und was er mehr bewundern solle: die Grazie, die Talente,die Liebenswürdigkeit der Frau Fürstin oder die Weisheit, die Kunst derMenschenbehandlung, die olympische Ruhe und Heiterkeit Ihrer Persön-lichkeit. Wenn ich für Deutschland einen Wunsch aussprechen sollte, sowäre es der: Kommen Sie wieder und regieren Sie uns. Wenn ich aus IhrerSeele heraussprechen soll, so wünsche ich Ihnen das reine Glück ungetrübterRuhe an der Seite einer solchen Gattin!" Das Lob meiner Frau gebe ichwieder, denn es ist gerecht. Die mir von dem Gelehrten und dem Dichtergespendete freundliche Anerkennung stelle ich unter den Schutz dertröstenden Worte des alten Publius Ovidius Naso:Principibus placuisseviris non ultima laus est."

Bei meinen täglichen und ausgedehnten Spaziergängen am Genfer See ,dem clear placid Leman, wie ihn Byron nennt, drängten sich mir immerwieder die Sorgen auf, mit denen mich die Entwicklung der Dinge in derdeutschen Heimat erfüllte, dem Land voll Lieb und Leben, dem ich michergeben hatte mit Herz und Hand, seitdem ich dreiundvierzig Jahre früherals junger Husar ins Feld gezogen war. Ich bemühte mich, bei meinen stillenReflexionen nicht in den Fehler mancher Diplomaten und Politiker zu ver-fallen, die, sobald sie nicht mehr selbst auf der Bühne agieren, vom Zu-schauerraum aus alles kritisieren, mit allem unzufrieden sind. Wie oft habeich mich an das Wort unseres weit- und menschenkundigen BotschaftersSchweinitz erinnert, der in der Bismarckschen Zeit zu sagen pflegte, esgebe eigentlich nur zwei Arten von Menschen: die Leute in office und dieLeute out of office. Die ersteren lobten alles, was geschehe, seien mit allemzufrieden und meinten, que tout etait pour le mieux dans le meilleurdes mondes possibles; die anderen tadelten alles und fänden, daß alles,was entsteht, wert wäre, zugrunde zu gehen. Aber auch einer objektiven,