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vorbeugte, was bei der unkriegerischen Natur der meisten Balkanfürstenwohl möglich gewesen wäre, oder wenigstens, bevor der Krieg ausbrach, mitden Balkanvölkern zu einer klaren Verständigung kam." Eine so unerfreu-liche Entwicklung, fügte ich hinzu, sei die Folge unrichtiger Einschätzungder Stärkeverhältnisse auf dem Balkan gewesen. „Wie Napoleon III . 1866seine Taktik auf eine fälschlich vorausgesetzte Überlegenheit der Öster-reicher über die Preußen basierte und erst durch Sadowa aus seinen Illu-sionen gerissen wurde, so beruhte die Haltung Österreichs vor dem Balkan-krieg auf der nicht zutreffenden Voraussetzung, die Türkei werde ihreGegner mit Leichtigkeit niederrennen. In dieser irrigen Annahme, in dersich Wien und Berlin begegneten, wurde dem Ausbruch der Feindselig-keiten nicht energisch vorgebeugt; man ließ die Türken in dem Glauben,daß an dem Status quo keinesfalls gerührt werden würde, und ermutigte siesogar zum Kämpfen, bis die türkische Niederlage das Verfehlte des ganzenKalküls bloßlegte und leider gleichzeitig zeigte, daß die Politik der Triple-Entente derjenigen der Zentralmächte ebenso überlegen gewesen war wiedie Waffen der Balkanvölker der türkischen Strategie und Organisation."Was ich damals dunkel fühlte, wiederhole ich heute mit voller Bestimmtheit:Natürlich wäre es bei mehr Voraussicht und Geschicklichkeit möglich ge-wesen, dem Ausbruch des Balkankrieges vorzubeugen. Ein kalter Wasser-strahl nach Sofia würde den unmihtärischen, sehr vorsichtigen König Ferdi-nand am Vorgehen verhindert, eine feste Sprache in Konstantinopel dieTürken zu den notwendig gewordenen Konzessionen veranlaßt haben. Stattdessen erfolgte in Belgrad, in Athen und namentlich in Sofia gar nichts,während die Pforte in ihrer Angriffslust eher bestärkt worden war.
In irriger Einschätzung der militärischen Stärke der Osmanli begeg-neten sich Alfred Kiderlen und der Generalfeldmarschall Colmar vonder Goltz , ein Beweis, daß gerade tüchtige Spezialisten oft den Wald vorBäumen nicht sehen. Kiderlen konnte es gar nicht erwarten, daß, wie ersich ausdrückte, die braven Türken den Hammeldieben von der unterenDonau endlich einmal ordentlich das Fell versohlten. Ein hervorragenderStratege wie Goltz erklärte nach einem türkischen Manöver, das ungefährein Jahr vor der Schlacht von Kirkilisse auf denselben Feldern stattfand,wo später die türkische Armee von den Bulgaren vernichtend geschlagenwurde, daß, wenn es sich nicht um ein Manöver, sondern um eine wirklicheSchlacht gehandelt haben würde, die Osmanen einen der schönsten Siegeihrer Kriegsgeschichte erfochten hätten. Um so größer war in Wien undPest wie in Berlin die Enttäuschung, als die Bulgaren im März 1913 Adria-nopel erstürmten, dort 29 Paschas gefangennahmen und Konstantinopelbedrohten. Diese Enttäuschung hatte sich namentlich in Wien und in Buda-pest in wachsende Sorge und Nervosität verwandelt, als die Sieger im ersten