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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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UNORDNUNG IN BERLIN "

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Berlin so schöne Zusagen und Beteuerungen eingeheimst habe, die er fürbare Münze hielt, habe die deutsche Regierung einen der tüchtigstendeutschen Offiziere, den General Liman von Sanders , nach Konstan-tinopel geschickt, aber nicht als Instruktor, sondern als KommandierendenGeneral des an den Dardanellen stationierten türkischen Armeekorps. Dasheiße so viel wie einen Freund auf sein empfindlichstes Hühnerauge treten.Kaiser Nikolaus habe ihn seines Postens enthoben, wozu freilich auchIntrigen seines Vorgängers und früheren Gönners, jetzt seines heftigenGegners, des Grafen Witte, beigetragen hätten. Uber Witte sprach sichKokowzow mit der den Russen oft eigenen Maß- und Zügellosigkeit inAusdruck und Urteil aus.Ce bätard d'un Waguemestre allemand et d'uneCircassienne a fait le malheur de la Russie. A la fois grossier et faux, il aprepare la revolution, sans avoir la force de la dominer." Ein ungerechtes,jedenfalls ein übertriebenes Urteil. Wenn Witte auch nicht zum Kanzlereines konstitutionellen Reichs gemacht war, so hat er doch rechtzeitigerkannt, daß, namentlich unter einem so schwachen Zaren wie Nikolaus IL,die reine Autokratie in Rußland nicht mehr möglich war. Witte war auchnicht schlecht. Er hatte keine guten Manieren, er neigte zu Brutalität, erwar oft plump, wirklich böse war er nicht. Seine Liebe zu seiner Mathilde,der Stolz, mit dem er davon sprach, daß er für die Tochter, mit derMathilde ihn beglückt hatte, bevor er sie heiratete, als Gatte einen Bojarengefunden habe,un boyard, un veritable boyard, un noble de grandesouche", den freilich ziemlich heruntergekommenen Kyrill Naryschkin,hatte etwas Naives und beinahe Rührendes.

Hinsichtlich des Zwischenfalles Liman von Sanders meinte Kokow-zow, er glaube nicht, daß von deutscher Seite Hinterlist oder auch nur Dböse Absicht vorgelegen habe, aber offenbar herrsche in Berlin ein be-dauerlichesDesarroi". Die Entsendung des Generals Liman von Sanders sei nach dem, was im Berliner Auswärtigen Amt dem russischen Bot-schafter gesagt wurde, vom Kaiser direkt befohlen und vom Militärkabinettohne vorherige Anfrage beim Auswärtigen Amt in die Wege geleitet worden.Als die Deutsche Botschaft in St. Petersburg in ihren Berichten auf dieErregung hingewiesen habe, welche die dem General Liman an denDardanellen übertragene Mission in Rußland hervorrufe, hätten Bethmannund seine Mitarbeiter für mildernde Umstände plädiert. Sie selbst seiengar nicht gefragt worden, sie würden aber ihr möglichstes tun, damit solcheunangenehmen Zwischenfälle sich nicht wiederholten. Auch würde sich derGeneral Liman der größten Vorsicht befleißigen.Le resultat final est queplusieurs pots ont etecasseset qu'on a ä St.Petersbourgl'impression qu'ungrand desordre regne dans les spheres dirigeantes de Berlin." Als nach demZusammenbruch des Zarentums die russischen Archive sich öffneten, hat

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